Mildura*

ich setzte mir diesen ort wie einen hut auf
die sonne machte rosinen in den taschen
der morgen zog sich in routinen
sprachs, stellte im feld die farmer in ihren zwirn
aufgelöst die illusionen in laken gehüllt
einer vertraute mir seine an die ich bereits
in mein reisetagebuch schrieb als er noch suchte
hier stickt man die trauben von unten an die reben
es stimmt ich war frei wie ein zugvogel
und grad sehr südlich nur nachts
wenn ich einen sack für meinen kompass häkelte
lagen sie im schoss ihrer grossmütter
und hoben ihre gläser
auf den wein auf die freiheit auf sklaverei
manchmal zog ich mich aus ihnen die leere zu zeigen
meistens zogen sie mich aus donnerstag: zahltag
und immer hatten die wochen laufmaschen
die keiner aufnahm sie blieben liegen
stattdessen versuchte ich auszuspinnen
was alle hier längst vergessen
zog tage durch ösen stach nadeln
in jede einzelne traube tat und gähnte
und die sonne gähnte mit zählte die farmer
wie knöpfe und zog sie auf leisten nach
und nach schusterte man meinen abgang
zurrte die stränge noch einmal fester
ölte die alten peitschen erneut
einer fädelte mich ein
nach dem abendbrot gab es auch spiele:

Ich packe meinen Koffer und nehme mit
meine Hosentaschen, eine handvoll Rosinen

*Mildura, Victoria, Australien, ist ein Ort bekannt unter Rucksacktouristen fuer Erntejobs, allerdings auch fuer besonders geringe Loehne und viele teure Arbeitsvermittlungen.

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Dieser Beitrag wurde unter Nele Wolter, TEXTE veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Mildura*

  1. Max Czollek schreibt:

    toller Text!! wirklich, wirklich schön. Hier zeichnet sich etwas ab, was ich gern mehr lesen würde. eine Art Reiselyrik, die etwas verarbeitet, dessen Situierung mir sofort klar vor Augen steht. ich glaube, das liegt auch an der Haltung, die das lyrische Ich dazu einnimmt – die schwebende Bewertung der ganzen Erfahrung. Die spürbare Anwesenheit des lyrischen Ichs im Text als reisendes, fremdes, irritiertes, usw. Toll!!

    Lieblingsstelle: “manchmal zog ich mich aus ihnen die leere zu zeigen / meistens zogen sie mich aus donnerstag: zahltag”

    Nur am Anfang die Häufung der Substantive: Hut-Sonne-Morgen stört, weil Sonne und Morgen zwei lyrische Cliches sind. Viel besser finde ich: “die sonne machte rosinen in den taschen / stellte im feld die farmer in ihren zwirn”

    Auch hier würde ich noch mal gucken, ob formale Mittel wie Strophierung durch Absätze nicht den Eindruck des Gedichtes unterstreichen könnten.

    Nur ein Vorschlag, der nicht das gelbe vom Ei ist, aber in eine Richtung weist, die möglicherweise hilreich ist (mit wenigen inhaltlichen Änderungen):

    ich setzte mir diesen ort auf wie einen hut
    die sonne machte rosinen in den taschen
    stellte im feld die farmer in ihren zwirn
    mit aufgelösten illusionen in laken gehüllt
    vertraute mir einer seine eigenen an
    die ich in meinem tagebuch notiert hatte
    da suchte er noch die richtigen worte

    hier stickt man die trauben von unten an die reben
    es stimmt ich war frei wie ein zugvogel
    und grad sehr südlich nur nachts
    wenn ich einen sack für meinen kompass häkelte
    lagen sie im schoss ihrer grossmütter
    und hoben ihre gläser
    auf den wein auf die freiheit auf sklaverei

    manchmal zog ich mich aus ihnen die leere zu zeigen
    meistens zogen sie mich aus donnerstag war zahltag
    und immer hatten die wochen laufmaschen
    die keiner aufnahm sie blieben liegen

    stattdessen versuchte ich auszuspinnen
    was alle hier längst vergessen
    zog tage durch ösen stach nadeln
    in jede einzelne traube tat und gähnte
    und die sonne gähnte mit zählte die farmer
    wie knöpfe und zog sie auf leisten

    nach und nach schusterte man meinen abgang
    zurrte die stränge noch einmal fester
    ölte die alten peitschen erneut
    einer fädelte mich ein
    nach dem abendbrot gab es auch spiele:

    Ich packe meinen Koffer und nehme mit
    meine Hosentaschen, eine handvoll Rosinen

  2. Maria Natt schreibt:

    von den vier texten ist das hier auch mein liebling. was dem text allerdings noch helfen wuerde waere eine kurze ueberarbeitung der form. einige zeilenumbrueche finde ich nicht sehr geschickt bsp:
    “nach / und nach” oder “lagen im schoß ihrer großmütter/und hoben die gläser” aber das sind kleinigkeiten, die vielleicht auch bloß mich persoenlich stoeren. dass die letzten beiden zeilen abgesetzt sind ist wahrscheinlich eine art tippfehler oder ist das absicht?
    und es geht weiter mit kleinigkeiten. “sprachs” im vierten vers? erschließt sich mir nicht. “stattdessen versuchte ich auszuspinnen/ was alle hier längst vergessen” wuerde ich einfach streichen, da passiert nix, da ist so ein ganz kurzer langeweile moment beim lesen. und den drittletzten vers streichen, der ist ueberfluessig und wirkt so als erklaerung warum jetzt “ich packe meinen koffer” kommt, brauchts nicht.
    und a pros pros erklaerung: fußnoten weg. einfach weg damit, der text braucht die nicht wirklich nicht, man versteht doch was verhandelt wird. fußnoten dieser art = fett kontraproduktiv.
    erwaehnte ich schon, dass ich den text eigentlich mag?

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