als hier das unsere weit und breit.

a: viele bäume ergeben noch keinen wald.
b: ich fühle mich allein zwischen zahlen. das ist nicht gerechtfertigt.
b: den wald trägt die buche in sich.
a: jeder baum hat kein selbst und ich bin aus lauter bäumen geschnitzt.

a: um noch ein mal darauf zurück zu kommen.
b: bin ich ein baum, wenn ich ein wald sein will? oder umgekehrt?
b: ich meine: wo beginnt der wald?
a: ja!

c: wälder taugen für identitätsschwelgerei, die so tut, als nage an ihr der zweifel.
d: wald und wald.
c: ein baum wäre mit sich identisch, wenn es ihn gäbe.

d: ein wald ohne bäume ist durchaus vorstellbar.
c: das wort ist baum, der satz ist buche.
d: drei bäume und der wald ist erst mal voll.

zur erklärung: die sonettform vergegenwärtigt uns, mit was für einem gewächs wir es wirklich zu tun haben. ähnlich ist der titel zu lesen. a ist wütend, b weinerlich, c röchelt und d vergisst immer wieder den text.

literatur:
baum und boden. alte fade, neue pfährten. wustrow: eberdingk und hüppfsch, 1853.
der wald, der wald. heiteres liedgut. randau an der ucker: mückermann 1939.
von ulmen und dolmen. pflanze und baum als strang und strunk. blatting: laber 1787.

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Dieser Beitrag wurde unter Ilja Winther veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu als hier das unsere weit und breit.

  1. Tristan Marquardt schreibt:

    ich muss zugeben: mich beschleicht hier ein verdacht, den ich immer wieder bei vertretern offensiv experimenteller lyrik habe, z.b. erst neulich wieder bei franz josef czernin. der verdacht, dass der konzeptuelle aufwand, der betrieben wird, nicht ganz im verhältnis dazu steht, was in punkto leselust und textuellem reflexionsangebot übrig bleibt. als würde man ein kleines bild in einen großen rahmen hängen.

    cool ist die idee mit dem reimmuster als sprechstimmen ohne frage. aber sie wird überstrapaziert dadurch, dass dem dann auch noch charaktereigenschaften zugeschrieben werden. das ist so ein bisschen faust aufs auge. dann sind da viele spannende stellen, die aber meiner ansicht nach zu isoliert dastehen. warum aufgrund der verschiedenen sprechstimmen auf einen textuellen verlauf, eine entwicklung, eine innertextuelle struktur verzichten? ich hab das gefühl, es mehr mit einer satzsammlung als mit einem text zu tun zu haben. das mag absicht sein, aber so wenig interaktion hemmt die lust am lesen. v.a., weil der text formal (durch den titel, die sprechstimmen, die sonnetform, die fußnoten und die literaturangaben) ja so viel bedeutsamkeitssuggerat auffährt, dass ich mich frage, ob er das wirklich einholen kann (bzw. dekonstruieren).

    ums noch mal anders zu sagen: die ganze formale rahmung weckt hohe erwartungen an die textuellen einheiten. und dem vermögen sie in meinen augen nicht immer ganz standzuhalten (V. 1 im verhältnis zu V. 14, V. 3, V. 5, V. 6 zweiter teil, V. 10, V. 13). ich wär da eher für ein gegenseitiges geben und nehmen von form und inhalt. auf der einen seite ein bisschen runterfahren, auf der anderen seite ein bisschen hoch.

  2. Ilja Winther schreibt:

    also, konzept gegen leselust und textuelles reflexionsangebot auszuspielen find ich eine sehr verstaubte rezeptionshaltung. was spräche dagegen, einen rein konzeptuellen text zu schreiben? dass der dann weniger bedeutet? du postulierst an dieser stelle der “inhalt”, also dinge, die sich durch interpretation zutage fördern lassen (auf was sollten sich den sonst die reflexionen beziehen, wenn du das konzept schon ausschließt?), müsse in einem ausgeglichenen verhältnis zum konzept stehen (also hier sonettform, dramatische form, quellenverzeichnis, erläuterungen). wie kommst du zu dieser forderung?
    und gerade weil ich weiß, dass du an einer peinlich genauen, alle in der aussage liegenden bedeutungsebenen zugänglich machen wollenden, hermeneutik gar nciht interessiert bist, habe ich den verdacht, es gehe dir mehr um eine “geste der komplexität”, aber bitte nicht auf konzept-ebene, sondern textinhärent. das stellt dann eine ziemliche krude mischung aus freshness-bedürfnis und traditioneller rezpetionshaltung dar. du sagst, hermeneutik sei dir ziemlich egal und behauptest, dich in deiner argumentation auf die “verfahren” zu stützen. warum ziehst du dann hier eine trennung zwischen konzept und text? und holst dann noch die kategorie leselust hinzu?
    dieser text ist mit sicherheit bearbeitungswürdig, aber ich sehe da völlig andere probleme als du und finde vor allem deine perspektive problematisch, für die dein missfallen am widerspruch zwischen vers 1 und 14 symptomatisch ist. es mag sein, dass der text hier nicht konsequent genug ist, aber das scheint mir auch zu bestätigen, wie präsent die konvention im umgang mit lyrik doch ist, die ein vorgestelltes autorsubjekt in seinem konflikt mit was auch immer zur bedingung für reflexionsangebot und leselust hat. ich glaube, anders gesagt, dass in der belebung des prinzips dialog (das auch im theater nach dem performative turn in den hintergrund geraten ist) ein provokationspotential steckt, gerade für lyrik. es ist die frage, wie viel zugänglichkeit und damit diskursnähe das benötigt, um gelesen zu werden.

  3. Tristan Marquardt schreibt:

    schön, dass wir uns immer so fetzen, wenns ums eingemachte geht, v.a. weil mir dann noch mal deutlich mehr klar wird, als wenn ich mich nicht fetze. ich bin in nahezu keinem punkt einverstanden mit dir.

    zum text:
    wenn du das reimschema in sprechstimmen umwandelst, suggeriert das gesteigerte interaktion. das gegenteil ist hier der fall. statt dass eine interaktion stattfindet (egal ob inhaltlich oder auf performativer ebene), bilden die verse nur ein nebeneinander, ein paradigma, dessen kennzeichen ein ironisch-semantischer umgang mit dem riesen-begriff wald ist. dann ein paar gute ideen knapp aneinanderzureihen, das ist mir zu wenig, und mein vorwurf ist der, dass hier die formlastigkeit bewirkt, dass die interaktion runtergefahren wird – das gegenteil also, was eine aufteilung auf sprechstimmen anbietet. warum also? weils konzeptuell interessant ist, so was zu machen. das finde ich auch, sogar sehr, aber nur, wenn die umsetzung auch interessant ist (punkto leselust). das hat nichts mit aristotelischem inhalt-form-verhältnis zu tun und auch nichts mit klassischer hermeneutik, sondern mit der frage, ob der text hier einfach nur etwas behauptet oder ob er es auch macht. ob er ‘performativ’ ist. ob er sein programm nicht nur aufstellt, sondern es auch umsetzt. das gleiche in abgemilderter form gilt meiner ansicht nach für fußnote und literaturangaben.

    zum allgemeinen:
    indem du aber v.a. auf die konzeptuelle rahmung vertraust, machst du, wie ganz oben gesagt, etwas, das geradezu merkmal offensiv experimenteller lyrik ist und damit nicht wirklich provokativ. du vertraust auf eine aufwenige konzeptionalität und der text selbst hat vor allem beispielcharakter (gerade deswegen ja so ein großer begriff wie wald und nicht etwas niederschwelligeres). so wie z.b. franz josef czernin texte schreibt mit unterschiedlicher schriftlicher realisierung bei quasi gleichbleibender lautlicher realisierung. das ist ein verfahren, das ulf einmal als “typisch avant-garde” bezeichnet hat, in dem es primär um die idee hinter dem kunstwerk geht und das kunstwerk selbst sekundär ist. das ist etwas, was man dann “veranschaulichung” nennen kann, was ich aber nur als eindimensionale veranschaulichung bezeichnen würde. weil ein kunstwerk meiner ansicht nach viel wirkungsvoller ist, wenn es nicht mit dem zeigefinger wedelt und sagt: “denk mal drüber nach” – also von vornherein behauptet, dass es interessant ist -, sondern eine rezeption ermöglicht, die interessant in dem sinne ist, dass man sich beim rezipieren fragt, warum man das gerade eigentlich so toll findet – also bewirkt, dass man es interessant findet. mit reflexionsangebot meine ich also mehr als nur konzeption. ich meine damit auch eine erfahrung bei der rezeption selbst.

    ums mal noch auf ein ganz anderes feld zu übertragen: das ist ziemlich genau das, was wir beim party-machen mal als den unterschied zwischen einem “sound von oben” und einem “sound von unten” bezeichnet haben. einem sound, der sagt: “tanz oder stirb”, und einem sound, bei dem man plötzlich merkt, dass man ja schon die ganze zeit tanzt.

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