berichte vom ende der fahnenstange: (3)

auf einem parkplatz diesseits der grenze kinderaugen. es mochte
schon tage her sein, was die angespannte gesichtsmuskulatur der
herbeigeieilten verriet, als physiognomie preisgab: dieses wissen
um die respektive,  wenn sich ein vorgang wiederholte und das kein

zufall mehr war. so viel vielleicht: die spur führte vom schotter und
verlief sich im teer. und wer noch diese art von pflaster kenne, die
grundschüler mitte der neunziger auf einem ihrer brillengläser kleben
hatten, um die sehschwäche zu heben oder beheben, stand im raum,

ihr muster, taugte als indiz. manch ein augenarzt hatte eine menge geld
damit gemacht, zumindest jeder, der die schlupflöcher der zweiten
säule durchschaut hatte und mut genug erwies, das als eignungstest
zu begreifen – wobei es eigentlich rigoros ist, dass so ein arzt selbst

gut sehen muss. doch wenn man schon dabei ist: gerade er behauptete,
dass man sich diesen parkplatz mehr als -haus vorzustellen habe, was
zwar von der perspektive abhänge – vom auge fürs große oder ganze –,
wohl aber wahrer war, als der schulbus mit geschlagenen 20 minuten

verspätung das gelände erreichte. zwar wähnte sich der fahrer noch in
unschuld, habe er doch rücksicht auf die knochen der kleinen genommen,
nerven bewahrt, angespannte haut. aber dann, als die schüler- endlich
in kinderaugen blickten, gerann das ganze abermals zum piktogramm.

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2 Antworten zu berichte vom ende der fahnenstange: (3)

  1. Ilja Winther schreibt:

    ein schöner text, der sich smooth in die berichte vom ende der fahnenstange einreiht , die ich sehr mag. sie zeichnen sich irgendwie alle durch eine mischung aus witziger spannung und einem schulbuchmäßig-genauem abgrasen wichtiger fragestellungen der lyrikanalyse aus: wer spricht? was passiert mit dem geschlecht? usw. man ist gezwungen, die texte mehrmals zu lesen, um herauszubekommen, wie man zu welchem schluss gekommen ist und wann der wo unterlaufen wurde.
    worin jetzt mein unbehagen liegt, fällt mir schwer zu sagen, wo ich ja gerade behauptet habe, ich sähe genau, worum es in den texten geht. ich glaube, ich wünsche mir einerseits ein wenig mehr haptizität und ich tue mich ein wenig mit dem ton schwer. ich würde dem text noch mehr souveränität zusprechen, wenn er trotz des, ja, aufrufs zur verhandlung von analytischen, übergeordneten fragen, in seiner sprache bescheidener, sein würde (z.b. kürzere sätze, weniger der fast schon kowkaesken wendungen). nicht alles, was in größerer sprachlicher dichte an irritationsmomenten funktioniert, funktioniert hier. ich kann gerade nicht genau sagen, warum. bei „und wer noch diese art von pflaster kenne, die grundschüler mitte der neunziger auf einem ihrer brillengläser kleben hatten, um die sehschwäche zu heben oder beheben, stand im raum, ihr muster, taugte als indiz.“ ist der aufbruch der syntax mehr nervig als gewinnbringend, in ein staccato von „stand im raum, ihr muster“ usw. geht ja eigentlich klar nur aus irgendeinem grund nicht in dieser einbettung. vielleicht kannst mir ja sogar besser erklären, was mich stört. ich wundere mich selbst ein wenig darüber, mit einer vagheit und unverlässlichkeit eines textes von dir konfrontiert zu sein, die mich nicht nur wenig befriedigt, sondern leicht agressiv macht.

    • Tristan Marquardt schreibt:

      über eine reaktionsmischung aus schönheit und aggression kann ich mich eigentlich nur freuen, ich selbst hätte dem text harmloseres potential zugesprochen. ein wort zur vagheit: eine sache, mit der ich bei den berichten gerne spiele, ist ja, dass das narrativ durch die kausalitätslogik der syntax eine kausalität des inhaltlichen vorgaukelt. dabei werden sprecher-, perspektiven-, zeit- und ortswechsel geschluckt und das streng nach dem motto: so war es nun mal. zwei, drei elemente wieder aufgreifen, wortfelder bedienen und die erzählmaschinerie wuchert drauf los. und dieses „huch, war es wirklich so? geht das in echt? geht das sprachlich? das kann doch gar nicht sein“ ist dann vielleicht weniger die, wie du es nennst, unverlässlichkeit des textes, sondern mehr die unverlässlichkeit des sprachlichen zusammenhangs. das ist an sich auch nicht so wild. ich finds nur spannend, das in dieser definierten form und länge mit einem prosaischen gestus durchzuspielen, der sich ständig mit sich selbst und seiner einbettung konfrontiert sieht. leicht aggressiv sozusagen.

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