einige gedanken zu politik und lyrik

1. politik

so wichtig die richtige ideologie und der streit darum ist, sollte man politik nicht allein als mobilisierung für bestehende haltungen oder gedankensysteme ansehen. in erster linie sind es suchvorgänge, in denen die einzelnen ihre persönliche blockiertheit als ein leiden an der gesellschaft erkennen. zugleich sind es die vorgänge, in denen die einzelnen lernen, sich die gesellschaftlichen ressourcen anzueignen – die straßen, die kulturgüter, die arbeitsplätze, die gedanken, die beziehungen, benennungen, die zeit – also die bedingungen, unter denen ihr eigenes leben produziert wird und die im normalfall nicht ihnen gehören. das ganze ist von anfang an kollektiv, weil es die widersprüche, in denen wir stehen, wirklich gibt, aber die meisten wirklich bedeutsamen politischen erfahrungen tauchen zuerst in privaten, oft beiläufigen gesprächen unter freunden auf, beim prekären versuch der eigenen erfahrung eine form zu geben: das gefühl der lähmung durch strukturlosigkeit oder hierarchien, die beleidigung durch beiläufige bemerkungen oder plakate auf der straße, die langeweile der arbeit, die angst als gescheitert angesehen zu werden oder arm zu sein, der eindruck, vom gelingenden leben der anderen abgehängt zu werden oder dort nicht adäquat empfinden zu können, wo man etwas empfinden müsste.

das wird erst dann politisch, wenn die privat erfahrenen widersprüche so ausgedrückt werden können, dass ihre bearbeitung als kollektives problem zugleich unumgänglich und machbar wird. dieser prozess (der wiederum zunächst nicht in politischen, sondern in privaten begriffen oder in form von beziehungen ausdruck findet) ist einer, in dem die steigerung der persönlichen handlungsfähigkeit hand in hand geht mit der kollektiven aneignung gesellschaftlicher formen: sich die symbolische befugnis herausnehmen, selbst zu sprechen, zu lesen, ideen und bilder auch ohne das einverständnis einer höheren instanz zu verwenden, eklektisch und fehlerhaft mit ihnen herumzuhantieren, sie als werkzeuge kennenzulernen, raum einnehmen, sowohl physisch als auch in form von positionen, sich in gegensatz zu anderen befinden, generell die kontexte vermehren, als teil derer die eigene erfahrung verstanden werden kann. alles das formen von macht und alles formen, um die gerungen werden muss, weil im normalen lauf der dinge die verfügung über sie strengen verteilungsregeln unterliegt. sodass etwa nur wenigen vorbehalten ist, überhaupt theoretisch und kulturell zu sprechen, die zeit und den raum anderer einzunehmen (etwa auf einer bühne), nicht nur eigenständig zu denken, sondern dies auch so zu sagen, und das vor allem, wenn es um politik geht.

das fernsehen zeigt protestierende, die übermüdet vor der kamera herumstammeln, um genau diesen prozess der selbstermächtigung jenseits dafür vorgesehener hierarchien zu verneinen. im politischen feld machen das szenecodes oder parteiposten, alte hasen jeglicher coleur, immer wieder auch gerne die väter. gerade weil sie von allen eigentlich permanent für unmöglich erklärt werden muss, um das gefühl der widersprüche etwas abzudämpfen, ist politik als kollektive aneignung der lebensbedingungen das prekärste unternehmen überhaupt. (das erklärt natürlich auch, weshalb es überproportional die privilegierten sind, die politisches vokabular in den mund nehmen – sie haben dabei am wenigsten zu verlieren). aber die aneignung, aus der politik entsteht, ist durch ihren gegensatz zum gegenwärtigen stand der dinge, der eben in erster linie der einer enteignung ist, zugleich permanent als möglichkeit vorhanden und kann deshalb zwar schwächer und stärker werden, aber niemals ganz aussterben.

2. politik und lyrik

lyrik kann auf allen ebenen für diese vorgänge relevant sein, auch wenn sie dies im moment nur in ausnahmefällen ist. man könnte den zusammenhang vielleicht so zusammenfassen, dass das ziel sowohl von kunst als auch von politik die erweiterung der persönlichen handlungsfähigkeit ist, verstanden als sozial vermittelte verfügung über die eigenen lebensbedingungen. von dieser gemeinsamkeit und der in dieser hinsicht gleichen zielrichtung abgesehen funktionieren beide völlig unterschiedlich. die fragen der politik, wie sie in institutionen, beziehungen oder auf der straße stattfindet, auf die fragen politischer lyrik zu reduzieren, beiden die gleiche relevanz zuzusprechen oder eine lyrische überschreitung mit politischer subversion gleichzusetzen ist genauso fehlgeleitet, wie den text der politischen notwendigkeit zu unterwerfen und ihr dabei im schlimmsten fall auch noch emotion abzupressen. auf beiden seiten selbstgerechtheit und langeweile.

aber lyrik als praxis ermöglicht eine erfahrung der gesellschaft und schreiben und lesen sind dabei nur die äußeren merkmale einer viel weitergehenden tätigkeit der aneignung. aus diesem fokus auf handlungsfähigkeit oder autonomie, die eben gerade auch die leserinnen betrifft, wäre zumindest abuzuleiten, dass das politische am gedicht niemals nach dem muster des großen wurfs funktioniert: ’spartakus vor den sklaven/brecht vor den arbeitern‘. denn in diesem bild werden die anderen als masse angesprochen und dadurch entmachtet. die oder der andere ist kein subjekt, mit dessen eigenheit ich zu rechnen habe (gleiches gilt für die anrufung einer landschaft als passive empfängerin der projektionen des dichters). auch wird klar, warum tagespolitische gedichte so langweilig sind, denn die in ihnen ausgelöste praxis ist eben diesselbe, wie die, die der tagespolitik zugrundeliegt: tagesschau gucken, sich im gespräch mit anderen darüber empören, sich auf der richtigen seite wissen und hilflos fühlen.

das große potential der experimentellen lyrik (was das genau ist, steht noch auf einem anderen blatt) wäre dann, stattdessen im gedicht etwas zu schaffen, das zwar in korrespondenz steht mit der gesellschaft – denn sprache ist immer das praktische gesellschaftliche bewusstsein – das diese korrespondenz aber in einer weise gestaltet, in der ihr gegenstand erst durch eine selbstbestimmte, konstruktive aktivität der leser hervorgebracht werden kann. traxler sagt das im negativen: „es sind texte, die man nicht so lesen kann, wie sie dastehen, weil gar nicht klar ist, was da steht“. im positiven meint das vielleicht eine art spielerischer arbeit mit dem was herumliegt: turmbauen aus wasserglas, notizbuch, tesafilmrollen, einem flummi und einer plastikfigur von einem seelöwen. spannend wird es, wenn die herumliegenden teile die inneren monologe sind, in denen man sich selbst zur ordnung ruft, vergebliche beschwörungen des besonderen, das sich im nichtigen verliert, selbstgespräche beim arbeiten, beleidigungen, wahrnehmungsfetzen, identitäts- oder geschichtserzählungen, usw.

um den zustand zu erreichen, indem diese teile sich aus ihrer alltäglichen fixierung lösen und so fraglich werden, dass sie bearbeitet werden müssen, muss das gedicht eine art von unauflösbarkeit erzeugen. der text darf sich nicht reduzieren lassen auf eine expression, die man teilt oder nicht teilt, auf eine reihe von bezügen, die ironisiert werden oder die person der autorin. alle diese reduktionen nehmen den lesern den text aus der hand. was wegfallen muss, ist die instanz, die mir auf die schulter klopft, wenn ich etwas begriffen habe, der anspruch auf einlösbarkeit von irgendetwas, das da steht, außerhalb seines erscheinens im text und der tätigkeit, die ich mit ihm durchführe. ebenso die prästabilierte harmonie zwischen der bedeutung im text und der bedeutung in der kultur, wie sie in der lyrik stark ist, die sich bemüht, ihren sinngehalt beisammenzuhalten. denn weder die kultur, noch das verstehen sind an sich demokratisch und daran ändert auch wikipedia nichts. die verständlichsten äußerungen sind befehle.

es ist auf der anderen seite ein jammer und ein effekt der hochkulturellen weihung (die der lyrik auch dann zukommt, wenn man sie ironisiert), dass unverständlichkeit sich umsetzt in das gefühl, zu dumm für den text zu sein. die soziale unterscheidung, die in den texten steckt, wirkt in dem fall als unfähigkeit und berechtigter unwillen, ihn sich anzueignen. man muss sich nur einmal vor augen führen, wie sehr die alltäglich gebrauchte sprache zu jedem zeitpunkt in streng reglementierten spielen organisiert ist, um nachzuempfinden, warum ihr freierer gebrauch im (experimentellen) gedicht eine überforderung für alle darstellt, die sich nicht in langer auseinandersetzung die techniken zum eintreten in die ihr eigene tätigkeit angeeignet haben. der zugang zur experimentellen weise zu schreiben ist deshalb mit sicherheit ebenfalls kein demokratischer, denn dafür müssten die techniken des experimentellen lesens verallgemeinert sein. sie liegen aber fest in den händen einer kleinen bürgerlichen fraktion und eignen sich bestens für deren distinktionszwecke.

hier schließt sich der kreis zum politischen: wenn nämlich im experimentellen schreiben und lesen eine art von autonomie erprobt werden kann, in der das gegenüber als eigensinniges und selbstständiges subjekt angesprochen wird, in der die kontexte vervielfacht werden, als teil derer die eigene erfahrung angeeignet werden kann, die hierarchien relativiert werden, die den richtigen und falschen gebrauch des verstehens reglementieren, wenn also kurz gesagt eine steigerung nicht nur meiner handlungsfähigkeit, sondern auch der meines gegenübers ermöglicht wird – und wenn zugleich aber dieser notwendige, utopische und demokratische prozess in so grundlegendem widerspruch steht zum sonstigen gebrauch der sprache und der kultur, dass er daran immer wieder scheitern muss, dann verdeutlicht dies, dass eine umwälzung der umstände vonnöten ist, die zwar in der lyrischen praxis geahnt werden kann, aber nicht in dieser vollzogen werden kann. diese umwälzung ist eine politische und ihr ziel ist die verallgemeinerte handlungsfähigkeit, als autonome verfügung aller über die materiellen und kulturellen mittel. in einem so benannten prozess wäre experimentelle lyrik eine bloße spezialform der autonomie als gewohnheitsmäßigem experimentellen handeln und damit letzten endes entweder überflüssig oder selbstverständlich.

das politische der experimentellen lyrik zum gegenwärtigen zeitpunkt ist, dass sie diesen prozess in ihrer praxis zum teil schon vorwegnimmt, ohne aber in sich die grundlagen für sein gelingen hervorbringen zu können. es wäre deshalb eine gnadenlose überschätzung der lyrik, ihr die ‚aufgabe‘ des politischen befreiungsprozesses zu übertragen (sie trägt zu diesem am besten bei durch eine möglichst vollständige entfaltung der autonomie innerhalb der eigenen grenzen), ebenso würde man aber ihre selbstständigkeit überschätzen, wenn man die in ihr enthaltene praxis der autonomie nicht auch als etwas versteht, das über sie hinausweist.

4 Antworten zu einige gedanken zu politik und lyrik

  1. Tristan Marquardt schreibt:

    also jetzt, da ich den text zum ersten mal ganz gelesen habe, bin ich hellauf begeistert. einzig das „experimentell“ vor lyrik würde ich dringend streichen, das provoziert für diese diskussion unnötige kontroversen über den begriff und dessen geschichte.

  2. Pingback: Politik & Lyrik. Eine Antwort | G13 | Lyrik

  3. Jan Kuhlbrodt schreibt:

    aber ein bäcker würde auf ähnliche weise über die notwendigkeit weißer brötchen schreiben,
    und im vorletzten absatz wird die lyrik zum sklave der ideologie. meine frage hierzu wäre: wie verhält sich ein einielnes gedicht zur lyrik. (hier mag es eine allgemeine antwort geben) wie verhält sich das einzelne gedicht zur politik? (hier nicht, diese antwort ist nur konkret das einzelne gedicht betreffend möglich.) und 3. was soll ein dichter in dürftiger zeit (darauf meint heidegger zu antworten. kurz: die frage nach der lyrik stellt sich so nicht aber diese: was will ich mit meinem gedicht. was ist mein gedicht. was kann das sein?

  4. Max Czollek schreibt:

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