das gesetz der vermittelten unmittelbarkeit

und so der histrionische sommer. als zaghafte praxis
in schräge gestanzten schuhen. ist in erster linie die aussicht
des rückenschwimmers, der schwimmt und nicht sieht
wie weiter unten sich seeungeheuer unzureichend fühlen.

in der wanne, in die das u sich wirft. während ich dies schreibe.
leckt ein hund an meinem fuß. so geht es wirklich,
ein meer von puppen und miniaturen, die man schüttelt
und versetzt für geld. dann sitzt man im aggregat

mit zwei irgendwie nackten menschen. die versuchen sich
durch den geschwollenen ozean im auge zu streicheln.
faltest du dir pullover aus seiten von camus. die paradoxe
intervention, steckt selbst in der eigentumsordnung.

und so der histrionische sommer, dass der flussgott flieht. mich
deucht es ist tag draußen. hallo andi, hörst du mich?

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4 Antworten zu das gesetz der vermittelten unmittelbarkeit

  1. Matthias Friedrich schreibt:

    Die Form des Shakespearean Sonnet setzt ihre körperliche Erscheinung ein, also das gemeinsame Auftreten von Quartett-Quartett-Terzett-Synthese, um auf sich aufmerksam zu machen. Das gelingt und erlangt mit dem Verweis auf die histrionische Persönlichkeitsstörung einen zusätzlichen Kick. Der „sommer“ tritt als Schauspieler auf, das Ich steht im Zentrum des Gedichts und damit deutlich vor dem Auge des Lesers. Füllwörter und -ausdrücke wie „und so“ sind ein weißes Rauschen im Gedicht, die es trotz oder gerade wegen der modernen Darstellung des klassischen englischen Sonetts nicht braucht. Das wirkt hyperlässig und der Rahmen, der durch „und so“ zum „heroic couplet“ oder zumindest dem, was davon übrig geblieben ist, wirkt konstruiert und tritt nicht aus dem hervor, was das Gedicht anzubieten hat. Die „puppen und miniaturen“ erschließen sich mir nicht wirklich. Mag sein, dass dieser Text einen assoziativen Vorgang zur Schau stellt. Allenfalls könnte ich mir jemanden denken, der mit einer Puppe in einer Badewanne sitzt (Bezug zu V. 5), aber warum?
    Die einzige mir mögliche Erklärung: Da will einer auf sich aufmerksam machen. Durch Unsinn, der nur auf den ersten Blick so scheint. Dem Sommer ein bisschen was Neues abgewinnen, indem er ihm eine Persönlichkeitsstörung anheftet. Dazu noch eine Konterkarierung des Shakespeare’schen (Liebes-)Sonetts, in dem die Geliebte keineswegs spröde und unerreichbar ist, sondern „irgendwie nackt“ neben ihm sitzt. Ebenso ein grauenhaftes Fremdwortsprech, das dem Gelingen des Gedichts aber nicht entgegenarbeitet, sondern es unterstützt: nicht nur der Verweis auf die psychische Erkrankung, sondern auch noch diese fürchterliche „paradoxe / intervention“ lassen mich erschaudern. In rascher Folge noch eine „eigentumsordnung“, dann „mich deucht“, was ebenfalls an eine Parodie der heute altmodisch wirkenden Sprache Shakespeares – zumindest, wenn man einige der ersten Übersetzungen konsultiert – denken lässt. Der Schlusssatz wirkt auf mich so, als sei er gesucht und nicht gefunden, gleichzeitig erinnert er mich, mit Bezug auf den Beginn des Sonetts, an die Persönlichkeitsstörung und an Sprunghaftigkeit (im literarischen Bereich, weil die einzelnen Themen so wirken, als wären sie unzureichend aneinander festgeklebt).
    Persönliches Geschmacksurteil: Fremdwörter in Sonetten oder anderen Gedichten, besonders, wenn sie mich an Beamtensprache erinnern wie das Zitierte, lassen mich schaudern. Füllwörter ebenso, die eine scheinbare, aber nicht vorhandene Lässigkeit suggerieren.
    Von Vorurteilen losgelöstes Fazit: Verbindung zwischen moderner Sprache und Shakespeare’schen Motiven gelungen (s. Geliebte). Im ersten Vers angesprochene Persönlichkeitsstörung gut ins Ergebnis eingearbeitet. Iambic pentameter fehlt, ist aber nicht schlimm: Das würde zu Krämpfen im Gedicht führen und das Paradoxon zwischen elisabethanischer Lyrik und lässig-unverkrampfter Sprache zerstören. Von Reimen ganz zu schweigen.

    • Tristan Marquardt schreibt:

      Wow, vielen Dank für diese ausführliche Replik auf Linus‘ Gedicht! Werds mir unter dem Gesichtspunkt gleich auch nochmal anschauen.

  2. Matthias Friedrich schreibt:

    Ich meinte natürlich: dreimal Quartett, einmal Synthese.

  3. Linus Westheuser schreibt:

    Hallo Matthias, danke für diesen ausführlichen Kommentar. Zu deiner grundsätzlichen Perspektive kann ich nicht viel sagen, weil ich mich mit Shakespeare nicht auskenne, ich finde aber interessant, dass du den sprunghaften Stil mit der Persönlichkeitsstörung in Verbindung setzt, das scheint vom Text her passend und auch auf einige Teile jener Gegenwartslyrik zutreffend, die ich am meisten mag. Springen als Feiern und Bewältigen von Nicht-Ganzheitlichkeit, Popularisierung von schizophrenen Formen, Liebe Dein Symptom Wie Dich Selbst, und so weiter. Und das ist vielleicht wirklich der Anfang von irgendwas. Aber ich sollte vor allem der Redlichkeit halber sagen, dass sowohl die Sonnettform, wie auch der erste und der letzte Satz (und damit auch das ‚histrionische‘ am Sommer) hier schlicht und einfach geklaut sind, allerdings nicht von Shakespeare, sondern von Ted Berrigan’s Sonnetten, zu lesen z.B. hier: http://www.mediafire.com/?87c89x5d1wqbyih Es wäre interessant, ob du vor dem Hintergrund der Beschäftigung mit dem Sonnett, wie er in deinem Beitrag durchschimmert, damit etwas anfangen kannst. In jedem Fall bleibe dem Blog kommentierend gewogen. L

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