auszüge eines spurenkatalogs

spurensuche
1) sowohl das gegenteil von suchen als auch das gegenteil von finden. wer spuren sucht, findet in der anwesenheit einer spur die abwesenheit von etwas anderem: man sucht das, was nicht da ist. man findet nicht das abwesende, sondern seine abwesenheit.
2) sowohl die vergegenwärtigung von vergangenheit als auch die vergangenheit im gegenwärtigen. wer spuren sucht, will sagen: „ich suche mein gefunden haben.“
3) sowohl zukünftiges als auch vergangenes sehen. wer spuren sucht, sucht, was er nicht gesehen hat, und wird finden, was er nicht gesehen haben wird.

spurenfund
1) sieht man eine spur in oder auf etwas anwesendem, bemerkt man deshalb, dass etwas anderes abwesend sein muss, weil das anwesende anders ist. man sieht: hier ist etwas anders, weil etwas anderes da war.
2) nur weil man etwas anders sieht, sieht man, dass man etwas anderes nicht sieht. man sieht, dass man nicht sieht.
3) findet man eine spur, sieht man nicht nur, dass etwas anders ist, sondern wird auch selbst ein anderer: man gewöhnt sich daran, dass, was gewohnt war, ungewohnt ist.

spurenlese
zielt auf die lösung einer ungleichung: da man in der gegenwart nicht weiß, was in der vergangenheit da war, muss man in der zukunft wissen, was zukünftig vergangen sein wird. das vollzieht sich in drei schritten:
1. man weiß, dass man etwas nicht weiß.
2. man wusste nicht, dass man etwas nicht wusste.
3. man wird wissen, dass man es gewusst haben wird.

spur, ausdrucksformen
abdruck, in: abwesenheit von zwei körpern. bspw. der fußabdruck im schnee: er ist nicht fuß und nicht schnee.
abdruck, auf: abwesenheit von zwei körpern, anwesenheit eines neuen. bspw. der fingerabdruck auf dem fenster: er ist zwar weder finger noch fenster, aber abdruck.

eine spur legen
gegenwärtig für die zukunft hinweise auf die vergangenheit geben.

die spur halten
den hinweisen folgen.

neben der spur liegen
den hinweisen falsch folgen.

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5 Antworten zu auszüge eines spurenkatalogs

  1. Tristan Marquardt schreibt:

    ein dank gilt hier flo, der drauf insistiert hat, dass ich bei den katalogen die spur nicht außen vorlasse, und mir außerdem tolles material zur verfügung gestellt hat. zudem will ich noch anmerken, dass ich überrascht war, wie wenig ich bei der spur konstruktiv eingreifen musste. mir kam es so vor, als wohne der „bloßen“ beschreibung des phänomens spur ohnehin schon eine ganz eigene poetik inne.

  2. Christopher Izgin schreibt:

    Lieber Tristan,

    wieder mal ein sehr interessanter Katalogauszug! Im Prinzip nur zwei kleine Anmerkungen.
    Bei „spurenfund“ finde ich den dritten Punkt nicht allzu stark. Bezogen auf so ziemlich alles andere in der Welt, tritt nämlich derselbe Effekt auf: Blickst du jemandem ins Gesicht oder liest du ein Buch, erkennst du ja auch, dass die Welt durch das von dir Gesehene eine Veränderung erlebt hat und nicht zwingend Bestandteil deiner eigenen Vergangenheit gewesen ist. Insofern glaube ich, dass dieses Phänomen kein ausschließliches Charakterikum eines Spurenfundes ist (was im Umkehrschluss natürlich bedeutet, dass dieser Punkt keineswegs falsch ist).
    Außerdem fiel mir auf, dass du dich gehäuft auf Oppositionen berufst. Dass das Kontinuum Zeit sowie Abwesenheit und Anwesenheit eine große Rolle spielen, ist offensichtlich, aber dass du dich solcher Gegensatzpaare wie „wissen“ – „nicht wissen“ bedienst, finde ich dann wiederum zu vereinfacht; was ist mit dem bloßen Verdacht, der Ahnung? was ist mit der Fehlzuordnung einer Spur? Sicherlich könnte das sehr weit gehen, wenn man jedes minimale Detail beachtet, aber mir missfällt der Gedanke, dass eine Spur immer auf etwas Richtiges verweisen muss bzw. das „Gesuchte auffindet“.

    • Tristan Marquardt schreibt:

      lieber chris, vielen dank, vor allem für den hinweis auf den spurenfund 3). tatsächlich scheint es mir zwar so zu sein, dass nicht nur kriterien zur definition beitragen können, die nur hier und sonst nicht gelten (deswegen ja auch das nebeneinander verschiedener aspekte). trotzdem war aber wahrscheinlich insbesondere die „vergangenheit“ zu allgemein formuliert. ich hab mich bemüht, das nochmal etwas konkreter zu fassen. zum zweiten nur kurz: ob das wissen richtig oder falsch ist, spielt für die ungleichung ja gar keine so entscheidende rolle. sie gibt nur auskunft darüber, warum man wissen will, dass man wissen wird – weil beim bisherigen wissen ein ungleichgewicht zwischen gegenwart und vergangenheit besteht.

  3. Florian Zimmer-Amrhein schreibt:

    Mir gefällt das Textprinzip grundsätzlich, habe aber ähnliche Kritikpunkte wie Christopher. Manche Sätze/Satzteile wirken auf mich etwas zu repetitiv bzw. sprachlich noch zu ungestrafft und so gesehen zu wenig erweiternd für den text als Ganzes. ebenso stimme ich Christophers Anmerkung zu, dass die spur als falsche fährte (also das bewusste legen einer falschen spur, um eine eigentlich spur zu dissimulieren) ein sehr interessanter aspekt ist, der im gedicht noch gar nicht auftaucht. warum also nicht mehr zu „eine spur legen“ und dafür etwas straffen und pointieren bei den Punkten 2) und 3) der ersten beiden begriffe?. ansonsten hat mir der text viel spaß gemacht!

    • Tristan Marquardt schreibt:

      merci! für änderungen ists jetzt leider zu spät… die fahnen sind durch, der druck beginnt in kürze. bist du eigentlich auch in leipzig?

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