kastanien und alkohol

die melancholie im zug europa kennt keine grenzen,
dahinter räumen ausländer das bordrestaurant auf.
jede arbeit findet ihren niederschlag am ende
der fahrt im schatten eines komplexes,
da steht man neben der kippe, der fado läuft aus der lounge.
man tauscht sehen mit anderen, spricht sprachen.

die vorplatzbäume grenzen an verlaufene sternbilder,
antennen aus der zeit der arbeitenden bevölkerung.
darunter die infrastruktur des abschieds, über den gleisen
sollte stehen man sieht nicht wann es weg ist,
und ganze frachtzüge voll kontinentaler erde fielen ins meer.
vorm anschluss stattdessen kastanien und alkohol.

dem schaffner fehlt ein größerer zahn.

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5 Antworten zu kastanien und alkohol

  1. paulaglamann schreibt:

    wie gut, dass du unterwegs bist. mag beide gedichte sehr gerne, aber dieses besonders. der ton gibt mir das gefühl, ich gucke aus einem bus im norden mexikos auf alte bahngleise, auf denen seit 50 jahren keine personenzüge mehr fahren.
    wahrscheinlich rühren meine assoziativen abwege beim lesen daher, dass alles, was man beim fahren beobachtet, von der reisemelancholie verdichtet wird.
    cheers auf den raum!

  2. rebeccaciesielski schreibt:

    wowwowwow!…Leider bin ich erst jetzt nach wochenlanger Abstinenz(wg. spärlichem Internetzugang) wieder dazu gekommen den Blog zu lesen.
    Das Gedicht gefällt mir wirklich sehr!
    Ganz besonders: „…die Infrastruktur des Abschieds“

    wobei ich sagen muss, dass ich „ganze Frachtzüge voll kontinentaler Leere“ etwas viel finde.

    Aber ansonsten: wirklich toll!

  3. helene schreibt:

    und ich bin krank und mit ohrenbetäubenden ohrenschmerzen im bett und kann nicht zum no-border-camp um die ecke nach brüssel fahren! :(
    und jetzt noch größer :(
    und wenn auch mit zahn

  4. Tristan Marquardt schreibt:

    „man tauscht sehen mit anderen
    spricht sprachen“

    – richtig gut. Diese erste Strophe ist bestimmt in ihrer Stoßrichtung, ausgewogen, brisant, aber nicht zu tendenziös und endet famos. Daran schließt die zweite super an, leitet dann aber ab ihrem fünften Vers die große Zerfaserung ein, das Ganze rutscht irgendwie in ein reines Stimmungsbild, das zwar schön ist, aber mir zu viel von dem aufgibt, was sich vorher aufgebaut hatte. Plötzlich habe ich nicht mehr das Gefühl, dass da ein Zug unterwegs ist (und seis ins Nirgendwo), sondern dass sich etwas in einer traumhaften Endlosschleife befindet, bei der alles zuvor Bestimmte beliebig wird. Plötzlich sind da „ganze frachtzüge“ statt dem „zug europa“, und worauf der Rest sich bezieht, hängt irgendwie in der Schwebe zwischen Weiterverfolgung des Narrativs und etwas oberflächlicher Generalisierung. Vielleicht müsste man nur an den Frachtzügen was ändern, und das Ganze behält die Konzentration bei, die es zu Beginn so wunderbar aufgebaut hat.

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