A2 mit bäumen

am horizont aufgereihte bäume
ein barcode für den himmel
aus mattem porzellan die augen
rechnen sich was aus dem blick:

der gummitwist in den überland
leitungen wie viel kinder spielen
hinter den scheiben der raststätte
draußen das kippende bällchenbad

am beckenrand der bagger macht
den hüftschwung mit schaufel
zur verlängerung des aufenthalts

die bäume fahren später vorbei

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13 Antworten zu A2 mit bäumen

  1. Friederike Scheffler schreibt:

    max! das gedicht ist toll. richtig, richtig toll! :)

  2. Friederike Scheffler schreibt:

    ach ja: warum?

    weil: die bilder mich berühren ohne anrührend oder verbraucht zu sein,
    nicht gewollt wirken (kleine ausnahme: „bällchenbad“), du nicht zu dick aufträgst und jeden faden wieder aufnimmst, die struktur dem erleben folgt.

    einzige anregung: dreimal „bäume“ ist vielleicht ein bißchen viel?

  3. Lea Schneider schreibt:

    Ok… da muss ich widersprechen. Was mir sehr gut gefällt, ist der Barcode für den Himmel – ganz großes Bild, das vielleicht auch mit dem Gummitwist in den Überlandleitungen auch nochmal schön aufgenommen wird.
    Dann kommen aber, wie Rike schon sagte, ganze dreimal die Bäume, was für einen kurzen und dichten Text ja ziemlich viel ist. Und leider sind sie dann auch nicht sonderlich spannend variiert, schon der erste Satz „am horizont aufgereihte bäume“ ist ein bisschen… naja, abgegriffen. Da sind überhaupt ein Haufen Bilder und Wörter und Situationen drin, die ich im Gegensatz zu Rike doch als schon recht häufig gebraucht bis verbraucht einschätzen würde. „mattes porzelan“ und „bällchenbad“ gehören definitiv dazu, aber auch generell das Unspektakuläre der Situation. Das ist ja an sich eine Atmosphäre, die man toll in Gedichten darstellen und mit der man eine Menge gewinnen kann, dieses monotone Fahren über immergleiche Autobahnen mit den Baumbarcodes am Rand (und an dieser Stelle funktioniert es auch gut). An einigen Punkten versinkt es mir aber zu sehr in dieser Monotonie, in diesem total Unwichtigen: Da gleicht sich die Sprache zu sehr dem Inhalt an, es versandet in der eigenen Betrachtung, ohne dabei ästhetisch spannend zu sein. Toll fände ich es, wenn du den Moment der Spannung, der am Ende der ersten Strophe entsteht (was rechnen sich die Augen aus? da will man automatisch sofort weiterlesen) am Ende auffangen könntest. Wenn du den letzten Satz schon so exponierst als Zusammenfassung, Fazit oder Pointe am Ende des Textes, sollte da auch was spannenderes stehen als nur wieder die Bäume – vor allem, weil mir auch nicht einleuchtet, warum sie da plötzlich personalisiert werden. Irgendwie fällt der Satz, obwohl ein Wort vom Anfang wieder aufgegriffen wird, aus dem Flow des Textes heraus und wirkt ein wenig mühsam angeklebt – jedenfalls nicht so, als würde er besonders gut am Resttext haften.
    Solche kontemplative, unaufgeregte Momente zu beschreiben, in deren Hintergrund sich trotzdem eine gewisse unerklärliche Spannung anreichert, so wie man sie auch als Kind empfunden hat, in den alltäglichsten Situationen, in denen manche Erklärungen noch nicht so selbstverständlich waren, in denen Autobahnraststätten eine magische Atmosphäre haben konnten – das finde ich eigentlich ein ganz großartiges Thema für Gedichte. Dass das hier nicht so richtig funktioniert, erklärt sich für mich daraus, dass der Tonfall des Textes springt zwischen der kindlichen Sicht auf die Autobahnwelt, die da beschrieben wird, und vor allem in der ersten Hälfte des Textes dominant ist, und einer „erwachsenen“ Reflexion der Situation, die sich in Wörtern wie „bällchenbad“ oder „verlängerung des aufenthalts“ ausdrückt. Dadurch kann, zumindest für mich, keine durchgängige Atmosphäre entstehen, in die ich wirklich hineingezogen werden würde.
    Mein Vorschlag wäre also: Entscheide dich für eine Perspektive (lieber natürlich die des Kindes ;)) und zieh die dann durch. Schau dir die Stellen nochmal an, wo es aufgrund der etwas abgenutzten Wörter langweilig wird. Und überdenke vor allem das Ende nochmal! Ich finde, da geht mit der tollen Vorlage aus der ersten Strophe, dem Barcode für den Himmel und der Frage, was die Augen sich da ausrechnen, noch einiges mehr.

  4. Tristan Marquardt schreibt:

    noch mal widerspruch: ich bin da eher auf rikes linie – aber vielleicht ist das geschmacksfrage. musste unwillkürlich an eine zeile aus jan wagners neuem gedichtband „australien“ denken, deren genauen wortlaut ich zwar vergessen habe, wo aber von laternenpfählen als nadelstichen entlang der straße die rede ist. genau so glänzen hier barcode und hüftschwung. neue berliner schule :)

  5. Max Czollek schreibt:

    ihr lieben. einen dank an euch alle! und in diesem fall muss ich mich auf alex und rikes seite schlagen ;) ne, wirklich. nicht, dass ich das gefühl was lea da beschreibt nicht in bezug auf meine texte kennen würde, aber in diesem fall sehe ich das wirklich nicht so. ich finde, die spannung ist gut gelungen – zwischen wort und realität, barcode und natur. kinder waren nicht so sehr meine perspektive bei der ganzen sache, auch wenn der text natürlich damit spielt, sondern eher die verknüpfung von berechnender/berechneter sprache und realität gegen die vermeindliche natürlichkeit, die einem auf einer autobahnfahrt begegnet.

  6. Lea Schneider schreibt:

    Ja, das ist tatsächlich sehr Jan Wagner! Jetzt weiß ich auch, warum ich den Text leider nicht so spannend finde ;) Das gleiche Gefühl hat mich auch beim Lesen des Wagner-Gedichtbands beschlichen: Handwerklich alles sehr sehr gut und geschickt gearbeitet, aber es so richtig funken will es bei mir nicht. Ich glaube, es war Can, der Wagner mal als „Gymnasiallehrer-Dichter“ bezeichnet hat – das fand ich sehr passend. Irgendwie finde ich seine Texte hauptsächlich… nett. Aber ich kann mich an keinen erinnern, bei dem ich wirklich das Gefühl hatte, da habe etwas dringend zum Ausdruck kommen müssen, ein starker Drang oder eine Notwendigkeit hinter dem Schreiben gesteckt hat. Wie stehst du denn zu den sehr konventionellen Wörtern wie „bällchenbad“, wie funktionieren die in dem Konzept von berechnender/berechneter Sprache (bzw. was genau verstehst du darunter? das klingt ziemlich spannend)? Das ist nämlich auch so ein Ding, das mich bei Wagner immer gestört hat, mit den abgegriffenen Wörtern…

  7. Tristan Marquardt schreibt:

    also lea, jetzt mal ehrlich: warum in gottes namen ist denn genau „bällchenbad“ ein „sehr konventionelles wort“? ja gar DER dorn in deinem auge? das will mir beim besten willen nicht einleuchten.

  8. Helene Könau schreibt:

    ich mags (auch)!

  9. Lea Schneider schreibt:

    nana tristan, dräng mich da mal nicht in eine position, die ich gar nicht einnehmen will ;) DER dorn im auge ist mir „bällchenbad“ ja nun nicht, meine anmerkungen waren hoffentlich ein wenig umfassender. allerdings habe ich etwas unscharf formuliert, glaube ich, denn tatsächlich hab ich da zwei sachen durcheinander geworfen, die mir aufgefallen waren: bällchenbad als wort stört mich, weil ich verniedlichungen und verkleinerungsformen in gedichten häufig schwierig finde. das mag ein subjektiver faktor sein, sie rufen aber bei mir einerseits assoziationen an klassische oder romantische gedichte hervor, die ja recht viel mit sowas arbeiten, bzw. generell eine etwas abgegriffene sprache, die in solchen texten vorkommt, die man im deutschunterricht als prototypische gedichte vorgestellt bekommt. andererseits erinnert es mich an ein ganz anderes sprachlevel, nämlich eine form von alltagssprache oder dialekt, die ich immer als unbeholfen wahrnehme (kann auch daran liegen, dass im kölner dialekt ganz viel -chen vorkommt). und dann ist dieses offensive verniedlichen so vordergründig, dass ich es nicht mehr als besonders wirksam empfinde.
    tatsächlich hast du aber recht damit, dass „bällchenbad“ (obwohl es mir aus oben genannten gründen nicht so zusagt) nicht teil des problems mit den konventionellen wörtern oder formulierungen ist. ich glaube auch, dass es nicht ganz richtig war, dass an wörtern festzumachen – es sind mehr bilder, die aufgerufen werden, wie zb „mattes prozelan“, die ich sprachlich nicht so innovativ finde. natürlich kann man sich streiten, ob man in jedem text die metapher neu erfinden muss. hier hätte ich es aber spannend gefunden, weil mit dem barcode sowas eben schon angelegt ist, also eine verschmelzung von zwei wortfeldern, die weiter voneinander entfernt sind, von zwei bildern, die erstmal nicht zueinander zu passen scheinen: „barcode“ ist ja nun wirklich kein ding, das man auf den ersten blick mit schön, ästhetisch oder lyrisch assoziieren würde – die bäume als barcode finde ich deshalb so spannend, weil mir hier etwas schön und spannend und auf seine eigene art wertvoll erscheint, das konventionellerweise eher alltäglich, unwichtig und nicht der behandlung in einem gedicht würdig wäre. mattes prozelan, kinder und ein niedliches bällchenbad dagegen scheinen mir prädestiniert als „schöne“ dinge, als themen für lyrik. es erinnert mich ein bisschen an die etwas merkwürdige diskussion über die ästhetik von schnecken in olang – moderne lyrik ist ja unter anderen deswegen so spannend, weil sie sich neue inhalte und themen erschließt, weil sie eben gerade unlyrisches lyrisch verhandeln kann oder beides in ein und demselben text miteinander in kontrast oder parallelität setzen kann. weil ich das aber hier nicht so sehr finde, hat mich interessiert, was da mit der sprache versucht werden soll – gerade auch in dem kontext, dass zb die bäume erst als objekt erscheinen und in der letzten zeile dann personifiziert werden – das, was max als „berechnde/berechnete sprache“ beschrieben hat, würde ich gerne besser verstehen, ich glaube nämlich, es hat wesentlich mit meinem diffusen ungefallen mit dem text zu tun, ich bin mir aber nicht ganz sicher, wie, und spannend klingt es sowieso… wofür aber bällchenbad wahrscheinlich ein blödes beispiel war, ja.

  10. Max Czollek schreibt:

    dann mal ein kurzer kommentar zu meinen gedanken bei dem gedicht: nachdem ich den einsteig gefunden hatte (der war zur außnahme mal wirklich als erstes da) fragte ich mich, wie der barcode wieder auftauchen könnte. nun ist es so, dass ich die offensichtlich entwicklung eines solchen gedichtes – die verwendung eines ökonomischen sprach- und assoziationsfeldes – allein nicht besonders spannend finde. der barcode dient als auftakt für alle möglichen entfaltungen: die augen „rechnen“ sich was aus dem blick, spielen gummitwist in dem, was ihnen auf dem weg begegnet. „wie viel kinder“, eine alte liedstrophe: zukunft ist das, was wir erwarten/berechnen.
    die sprache lässt mehr auch gar nicht zu: sobald wir uns gedanken machen, machen wir uns eine erwartung. das bällchenbad, der regen oder sonstwas ist dann schon ganz teil dieser vorstellungslogik geworden. und die bäume: bleiben als rahmen, der sich am ende verselbstständigt. nur so können sie auftreten – personalisiert aber frei von den übergriffen des lyrischen ichs.

    das vielleicht. kannst du/könnt ihr damit was anfangen?

  11. Ilja Winther schreibt:

    ein text wie butter, dachte ich beim ersten lesen. dass der immer problematischer durchs kommentieren gemacht wird, find ich aber auch sehr schön. max hats ja verdient, dass man streng mit ihm ist. ich möchte da mitmachen.
    ich muss nämlich sagen, dass ich keinen gegensatz aus diesem text rauslese. für mich spielt das gedicht ganz durchgängig (einschließlich letzte zeile) mit dem, was der titel schon ankündigt: autobahn-assoziationen und bäume. wie er das tut ist großartig, nämlich auf eine genüsslich-kraftstrotzende weise, die dem leser sagt: guck mal, so viel spaß kann man an einer autobahnraststätte haben, wenn man die dinge mal in die hand nimmt (=gedichte schreiben). diese mischung aus spiel und berechnung, saftiger imagination und autoreflexivität funktioniert großartig: ein mal barcode+bäume, ein mal gummitwist+überlandleitungen, ein mal bagger+hüftschwung, das sind unterschiedliche wörter, aber alles in ihrer eindrücklichkeit und selbstverständlichkeit gleichwertige metaphern.
    aus diesem grund sehe ich keine notwendigkeit, nach der ersten strophe einen doppelpunkt zu machen, da vor ihm und nach ihm die gleichen verfahren angewendet werden. die erste strophe tut so, als würde sie erklären, was die zweite strophe macht, dabei macht sie genau das selbe. und ebenso geht es mir mit der letzten zeile. das diese vom rest abgesetzt ist, hat mich nicht gestört, weil es ja schön mit dem zeitlichen abstand „später“ einhergeht. überhaupt hab ich die zeile ansonsten in ihrer harmlosgkeit als lächelnd-schulterzuckendes spiel mit der zeit verstanden (zu der man ja am ende eines zeitlosigkeit durch zeitdehnung suggerienden textes am liebsten ein abschließendes statement haben möchte), somit als fortsetzung der vorherigen verfahren, übertragen auf einen anderen inhaltlichen aspekt. die fahrenden bäume emanzipieren sich nicht mehr als der hüftschwingende bagger oder das kippende bällchenbad von der allmacht des erzählers: ob personifikation oder metapher – wo ist der unterschied in bezug auf den umgang mit wirklichkeit? wenn den ersten strophen das berechnende spiel und dem leser der appetit vermiest werden soll, müsste für mich ein anderer umgang mit sprache her. der erzähler müsste sich verschlucken oder stottern oder das spiel müsste absurd werden („die auspüffe tröten einen gruß aus görlitz“ ist immer wieder gern genommen) oder die letzte zeile müsste einfach wieder zu ihren geschwistern finden, so dass der am ende leser denkt : aber so einfach ist das jetzt auch wieder nicht. in jedem fall: das gedicht ist toll, aber deine ideen zum verhältnis natur/berechnender sprache seh ich rhetorisch und auch sonst kaum umgesetzt.

    • Tristan Marquardt schreibt:

      nur um im metakommentar auch mal das lyrische in kommentaren zu würdigen:

      „die auspüffe tröten einen gruß aus görlitz“ ist immer wieder gern genommen

      – ja, es ist! hier spricht die erfahrung unsrer bahnen! das ist die schneise, in die auch ich blase! oder wie der belgier sagt: ich bin feuer und flame.

  12. Max Czollek schreibt:

    ah well, ich versteh genau, was clemens meint. es ist auch kein problem, das gedicht so zu lesen. ich mache hier auf dem blog immer wieder den fehler, zu viel intention preis zu geben. bitte nehmt mich nicht zu ernst. es ist dieser hang zum post-produktions-theoretisieren, der mich da verleitet. den kern der gedanken hatte ich auch beim schreiben des gedichtes, aber da ist es vielleicht wie tea das fürs lesen gesagt hat: ich habe mit einer haltung geschrieben. das scheint durch, auch wenn es nicht auftaucht.

    über den doppelpunkt will ich noch einmal meditieren. die idee war ja, den blick gummitwist spielen zu lassen. diese verbindung ist aber gar nicht nötig.

    danke

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