(ohne titel)

für olivia

es gibt ein ende da sitze ich in der küche
und bastle schiffe aus krepppapier eine
garantierte titanic auf dem weg zurück
steht meine mutter eine junge frau mit gitarre
die meinen namen nicht kennt singt lieder
von reinhard mey und hält am ende was sie spricht
ist eine körpersprache die langsam abklingt
im spülbecken saugt sich das voll versinkt
in gedanken in bauplänen für den rest der zeit
geht was zu ende und ich suche nach relikten
im kühlschranklicht nach haltbarem in den
schubladen nach wegbier wenigstens das
hat mir ein freund geschenkt der auch nicht
weiter weiß als bis zum nächsten zigarettenende

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4 Antworten zu (ohne titel)

  1. Lea Schneider schreibt:

    Weil es, wie ich bei der Besprechung gestern gemerkt hab, vermutlich nicht mehr so ganz zum Allgemeinwissen unserer Generation gehört, hier in einer scheußlichen Version (aber der einzigen, die auf youtube zu finden ist), in seinem ganzen Kitsch und wohl nur noch einem Hauch von der Unmittelbarkeit, die es 1972 gehabt haben muss: http://www.youtube.com/watch?v=ESjUJMKSQMQ

  2. Linus Westheuser schreibt:

    oh gott!!! :DD wie fuerchterlich.

    also reinhard, ne! :) das gedicht find ich gut. allerdings hab ich das gefuehl, dass es in den letzten fuenf zeilen etwas nachlaesst in sachen bilder und flow. ab da wirds eher bekannt waehrend vorher das gedicht so schoen bestimmt ist, haargenau das zu sagen, was es sagt und dabei so leger sachen fallenlaesst wie ‚haelt was sie spricht/ ist eine koerpersprache die langsam abklingt‘ (fett!) oder die mutter ‚die meinen namen nicht kennt‘, das ist ein sehr intensiver moment.

    also die letzten fuenf zeilen, wobei ich beim nochmallesen gerade denke, die fuenftletzte waere eigentlich auch top wenn danach einfach schluss waere. das koennte ich mir gut vorstellen. was meinst du, was mein(t)en die andern?

  3. Tristan Marquardt schreibt:

    wir haben viel über das verhältnis von ersten und zweitem teil gesprochen. der erste, der sehr stark ist, spannende, prekäre bilder entwirft, und der zweite, bei dem irgendwie unklar bleibt, was die genau auslösen, wie genau darauf reagiert wird etc. lea, vielleicht magst du ja linus auch noch mal schreiben, was du uns geantwortet hast?

  4. Lea Schneider schreibt:

    hehe. na zuerst dachte ich auch „hallo kühlschrank und bier, da seid ihr ja wieder!“ :) aber letztlich ist das ja kein text über einen von den beiden, sondern sie machten sich einfach gut im küchenszenario (küche auch als assotiationsmoment mit zuhause und familie) und passen mir deswegen gut in den kram, weil sie assecoires einer lebenssituation sind, die sich vielleicht mit derjenigen der jungen mutter deckt, die aber gleichzeitig völlig abgetrennt ist von der lebenssituation des/der sprechenden, und die die mutter heute vielleicht auch nicht mehr gut heißen würde.
    hintergrund war dieses abgefahrene gefühl dabei, alte fotos von seinen eltern zu sehen, also richtig alte aus der zeit vor der eigenen geburt, als die person auf diesen bildern noch keinen blassen schimmer hatte, dass sie mal kinder haben würde – vielleicht auch gar keine wollte. und die frage: wie wäre das, wenn ich diese frau heute treffen würde, die auf dem bild ungefähr so alt ist wie ich jetzt? würden wir uns mögen oder gar nicht ausstehen können? hätten wir die gleichen ideale, würden wir nebeneinander auf einer demo stehen, würden wir einander unerträglich finden? dieses verrückte gefühl, jemanden überhaupt nicht zu kennen und niemals kennen zu können, den man zugleich am besten von allen menschen kennt.
    und daraus entwickelt dann das nachdenken über die unbestimmtbarkeit der eigenen zukunft. die junge frau mit der gitarre hat keine ahnung, dass sie in wenigen jahren kinder kriegen wird, und trotzdem ist das lyrische ich in einer position, das ganz sicher sagen zu können. wie sieht es mit der zukunft des lyrischen ichs aus? die wahrscheinlichkeit des absolut unwahrscheinlichen kam da für mich ganz stark rein. und dieses niemals wirklich wissen können und eine gewisse unsicherheit und angst, die das auslösen kann – und daraus dann wiederum der wunsch, sich am leben der eltern zu orientieren, sich haltbares zu suchen, werte, normen, lebensentwürfe, wiederverwertbare relikte, sachen, die sich kühlen und unbegrenzt lagern und aufs eigene leben rückübertragen lassen. bloß: das ist natürlich quatsch, zumindest in dieser extremen variante, und deswegen bleibt es eben beim suchen in der vergangenheit und nicht kommt nicht zum finden, und deshalb landen die letzten zeilen auch bei einem weniger eindringlichen, wiederholenden tonfall: da versucht jemand, das leben seiner eltern für sich selbst wieder aufzuwärmen, weil er aus seiner eigenen situation heraus nichts für sich selber geplant kriegt. und damit ist er nicht allein, mit dieser suche nach wegbier, nach etwas, das er mitnehmen kann, das ihm irgendwie halt oder eine richtung gibt unterwegs (und das er dann aber eben nicht von den eltern, also aus der vergangenheit, sondern von einem freund, also jemandem aus der gegenwart, bekommt) – die anderen wissen auch nicht weiter als bis zum nächsten zigarettenende. und das ist dann hoffentlich irgendwie der punkt, mit dem man aus dem text herausfällt: klar weiß keiner weiter, und das ist ganz schön überwältigend. aber irgendwie ja auch krass gut, weil spannend und die einzige möglichkeit für was richtiges, eigenes, was ich nicht erst in die mikrowelle stecken muss.
    deshalb möchte ich zumindest die letzten zwei zeilen schon behalten, ob ich den rest ein bisschen fetziger machen kann, schau ich nochmal.
    ja und dann sind da so nach und nach noch haufenweise andere ebenen reingerutscht: sich abzuarbeiten an der vergangenheit der eltern (haben die nicht schon alles gemacht, womit ich heute gegen sie rebellieren will?), der versuch, eine kinderperspektive mit der eines erwachsenen sprechers zu mischen und eine zeitliche verwirrung zu stiften (nicht umsonst stitzt das lyrische ich in der küche und bastelt schiffe aus krepppapier -> kinderspiel, während die mutter eigentlich noch gar keine ist, sprich noch gar keine kinder hat), überhaupt das durcheinanderwürfeln von zeitlichen und räumlichen perspektiven (der text fängt an mit einem ende – aber eben auch nur „es gibt EIN ende“, also eins von vielen möglichen, oder vielleicht nur das ende dieses einen gedankens, nicht aber von etwas größerem, die erwähnung des „wegs zurück“, also das zeitliche zurückgehen zur jugend der mutter als räumliches zurückgehen etc.), wie immer die arbeit mit den zeilensprüngen, mit der ich hier ausnahmsweise mal wirklich zufrieden bin, und natürlich die auseinandersetzung mit einem verlust bzw. dem unausweichlich früher oder später eintreffenden tod der eltern. und dann ist aus einer ganz frühen phase des textes auch noch eine akw-trope übriggeblieben („abklingen im spülbecken“ -> abklingbecken), was dann eben nochmal die verbindung herstellt zur mutter als jungen frau und dem lyrischen ich, das jetzt das gleiche alter hat wie sie damals und vielleicht ähnliches, vielleicht aber auch ganz anderes erlebt (anti-atomkraft-revival). und nicht zuletzt natürlich irgendwie auch die verhandlung des konzepts „mutter“ generell…
    ja, so hat sich das alles ziemlich zusammenakkumuliert und jetzt muss ich wirklich schauen, an welchen fäden ich noch ziehen kann, ohne dass ich gleich alle nähte auftrenne – aber ich schaue :)
    danke für euer feedback!

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