regen im januar

fällt seinem kälter vorgefallenen ins genick
eine altlast an streumasse bleibt
im schnellverfahren fossilierte pfefferkörner
wenn das salz aus dem behälter ist
schon durch poren im boden gesickert

müssen einmal ausgeteilte würzpastillen
vom gericht der erde abgemäkelt werden
dämme bilden nach dem brechen
präzedenzloses aroma soll herrschen
als würden sämtliche großstadtküchen
ihren kesselrückstand pressdampfarbeit
am tiefpunkt der rezeptidee aussetzen

wenn wir die fossile suppe nicht hätten
keine frischhaltefolie zum deckeln der kessel
klarsichtiger wegwerfartikel par excellence

der hunger fräße sein getöse größer
nährte sich und furcht vor der frucht
pfefferkornrund in die nase gesprungen
auf abwegen richtung verlängerten mund

am hals mit einem mühsam stein
beugt mancher sich zur suppe vor
der hunger fräst durch mehrfachhäute
schlägt ein leck im wirbelkanal
schenkt endlich reinen liquor aus

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4 Antworten zu regen im januar

  1. Lea Schneider schreibt:

    also, ich bin ja bei der vorstellung des textes leider wie bei jedem treffen so gegen 2 uhr morgens mal wieder eingeschlafen und hoffe jetzt, dass ich nichts wiederrhole, was bei der besprechung schon gesagt wurde (oder was ich möglicherweise sogar selbst im halbschlaf noch reingemurmelt hab…).

    den anfang finde ich sehr stark, da sind tolle bilder (allein schon die erste zeile!) und klanglich wie immer bei dir super (fossilierte pfefferkörner :)). dann kommt dieses ganze ding mit den küchenvergleichen, und ich finde es ziemlich geschickt, wie ich als leserin ohne es zu merken weitergeführt werde von einem fast idyllischen bild am anfang (natur/stadtszene mit regen) in ein plötzlich politisches thema hinein. das passiert zwar schon vor der fossilen suppe (ich nehme an, da gehts um öl?), aber so verkruscht und abgefahren, dass mich die suppe dann doch überrascht, weil ich die zeilen vorher gar nicht verstanden habe (jetzt beim fünften lesen erst erkenne ich da ähnliche metaphern). da könntest du vielleicht noch ein bisschen deutlicher und ein bisschen weniger verschwurbelt werden. was z.b. „präzedenzloses aroma“ wäre – darunter kann ich mir gar nichts vorstellen, und unter seiner herrschaft auch nicht.

    was ich dann gar nicht mehr verstehe, ist die letzte strophe, in der die suppe, die ich ja vorher als öl gedeutet habe, dann plötzlich doch wieder nahrung darstellt, zu der sich aber keiner vorbeugt (und was ist dieser stein am hals?) – das könnte man jetzt vielleicht noch so deuten, dass der komplex suppe-erdöl für das ungleichgewicht globaler norden/süden steht, das ja u.a. natürlich auch auf der auf erdöl basierenden wirtschaft gründet – aber da gehen mir dann doch zu viele ebenen durcheinander und es kommt mir eher wie ein unnötiger versuch vor, am ende nochmal zur anfangsszene zurückzukehren, um das ganze irgendwie rund zu machen. ich würde sagen: das muss doch gar nicht rund oder versöhnlich werden, denn da gehts ja um ein ziemlich unversöhnliches thema – also arbeite es doch lieber konsequent in eine richtung, anstatt es sich am ende selbst in den schwanz beissen zu lassen :) die ganzen körpermetaphern versteh ich da nämlich auch nicht (einmalhaut, muskel, was ist liquor, ist das nicht irgendsone flüssigkeit im/am gehirn?), und da kommt mir natürlich schon der verdacht, dass ich das vorher alles falsch verstanden hab und es eigentlich um was ganz anderes geht (irgendeine form von körperlichkeit? aber warum kommt da vorher gar kein hinweis drauf?). also, insgesamt verwirrt mich die letzte strophe mehr als alles andere, vielleicht könnte man daran nochmal arbeiten. den einstieg und den übergang der themen finde ich aber wie gesagt sehr gelungen!

  2. Tristan Marquardt schreibt:

    lea, freue mich gerade sehr über deinen kommentar, weil wir beim treffen eine verschränkung von schneeschmelze und suppe über die gemeinsame ingredienz salz festgemacht hatten, die sich dann mehr und mehr verselbstständigt. dass sich das dir gar nicht aufgedrängt hat, spricht für die vielschichtigkeit des textes und das doch wiederum eigentlich für ihn, oder?

  3. Lea Schneider schreibt:

    vielschichtigkeit ist super, ja. ich glaube aber, dass sie auch zum problem werden kann – nämlich dann, wenn einfach ein überangebot da ist, in dem die leserin das gefühl hat, ganz viel interessantes zu verpassen bzw. dass sie eigentlich doch eine spezifische aussage am ende herauslesen können müsste (dieser eindruck entsteht bei mir durch die rückführung zum anfang am ende, und daher meine kritik daran, dass der text nicht einfach produktiv ausfasert anstatt sich künstlich „rund“ machen und abschließen zu wollen). außerdem bin ich mir nicht sicher, ob gedichte – also vor allem kurze, verdichtete texte – nicht ein höchstmaß an ebenen haben, die sie tragen können. irgendwo scheint mir eine grenze erreicht, bei der man die anderen ideen, die man hat, lieber für einen zweiten text aufbewahrt. ODER man macht das, was kowka oder zb. auch linus schon in genialer weise in anderen texten vorgeführt haben: extrem lange, in alle möglichen richtungen ausfasernde texte ohne den zwang zur (bildlichen, sprachlichen) kohärenz schreiben. aber dann eben auch wirklich abspacen und nicht aus formfetischismus bei einer endpointe landen ;)

    was mir aber grade noch auffällt: tatsächlich macht sich meine deutung ja vor allem an dem begriff der „fossilen suppe“ fest. wenn die also nicht auch wirklich gewollt ist, würde ich mit dem wort sehr vorsichtig sein, weil es – zumindest für mich – einfach direkt in richtung erdöl-problematik deutet, und das müsste dann im text natürlich aufgefangen werden.

  4. Alexander Makowka schreibt:

    Vielen Dank für die Kommentare,
    Ich habe die letzte Strophe noch einmal leicht umgeschrieben. Hier die alte Version:

    am hals mit einem mühsam stein
    beugt keiner sich zur suppe vor
    der hunger fräst durch einmalhaut
    und muskel wieder haut
    schenkt endlich reinen liquor aus

    Auch ich empfand die Häufung und v.a. Redundanz an körperlichen Begriffen als zu viel. Nun geht es zwar noch spezieller in diese Richtung, aber hoffentlich etwas klarer durch die Andeutung der Herkunft des „liquors“. Zugegebenermaßen läuft auch der „wirbelkanal“ Gefahr des Rundmachens bezichtigt zu werden, aber in meinen Augen bietet er sich als schön bildlicher Begriff zu sehr an, um ihn wegen des erwähnten eventuellen Vorwurfs wegzulassen.
    An sich kann ich diese deinen Vorwurf der künstlichen Rundheit verstehen, Lea, bin mir aber nicht ganz sicher, auf welchen anfänglichen Teil des Textes du meinst, dass sich die letzte Strophe rückbeziehe. Die „suppe“ kommt ja eher in der Mitte. Für mich wird deutlich aufs „genick“ Bezug genommen bzw. auf den ganzen Vorgang der ersten Gedichtzeile. Mir war es dabei sogar ein Anliegen, eine bereits vorher aufgetretene, wenn man so will vertikale Bewegung erneut zu vollziehen. Und diese eben mit Elementen zu verbinden, die an dieser Stelle u.a. noch im Text folgen sollten:
    – der „stein am hals“ (→ „mühlstein am hals“: redensartlich für große Belastung; meiner Meinung auch eine Bestrafungsmethode der Vergangenheit..?) nach den Fossilen = Versteinerungen vorher
    – die „suppe“, die vorher gerne „Erdöl“ ist, aber schon da Konsumgut wäre
    – das „fräsen“, nachdem vorher zumindest schriftlich „gefressen“ wurde

    Für den Rest bin ich im Moment schon zufrieden, wenn sich eine zusammenhängende Abfolge von Thematiken/Bildbereichen ergibt und v.a. klanglich motivierte Stellen wie die des „präzedenzlosen aromas“ mitgetragen werden können. Trotzdem ist der Einwand der reduzierten Zugänglichkeit, wie ich finde, ein wichtiger und der Spagat zwischen innerer Konsistenz und eher lockerer Assoziation weiterhin schwierig.

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