G13 @ ZLB

Am 10.04.2017 von 11.00 bis 18.00 Uhr waren wir zu Gast im Salon der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. In dieser Zeit entstand ein Live-Gedicht in und über die Bibliothek, gemeinsam mit den Mitarbeiter_innen, den Besucher_innen und den Büchern vor Ort. Für „soziometrische“ Gedichte wurden Wachschutz, Infothekenpersonal und Leser_innen interviewt, auf bibliothekweit verteilten Zetteln konnten eigene Gedichte oder Lieblingszeilen zum Einarbeiten in den entstehenden Text hinterlassen werden, und aus dem einen oder anderen zufällig ausgewählten Buch oder den Titelseiten der Zeitschriften im Salon entstanden Collagen und Medleys. Das Anwachsen und Bearbeiten des Gedichts konnte den ganzen Tag über auf der Leinwand im Salon beobachtet, kommentiert und beeinflusst werden.

***

Welcome. Do you have a line or part of a text you would like to share with us? (WE HAVE CANDY.)

Bonjour. Est-ce que vous avez un vers ou un autre bout de texte que vous voudrez partager avec nous?

Ciao. Avete una riga oppure un altro pezzo di testo che vorreste condividere con noi?

Czesc. Czy masz wiersza ktorym chcialbys/chcialabys sie podzielic?

Hoi. Häsch ächt es gedicht oder es stückli tegscht wod mit eus wetsch teile? (Ja, das ist schweizerdeutsch.)

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11:05 Der erste Besucher begrüßt uns: „Bleichgesichter, Bleichgesichter!“

11:11 Eine Zettelbox wird zur Verfügung gestellt. Aus der Zettelbox: „Bäume begegnen sich nicht und leben in der Regel länger.“

11:20 Mitglieder des G13-Kollektivs essen ihre eigenen Bonbons! Hilfe!

11:27 Keine Bleichgesichter im Brockhaus. Aber: „Bleichhorizont“. (Von wann stammt der Brockhaus in der Amerika-Gedenk-Bibliothek?)

11:28 Was will mir jemand sagen, der mit ein Buch entgegenhält, das „A gorilla in a mirror“ heißt?

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Soziometrische Poesie I: Was ist der gruseligste Ort in Berlin?

Das olympische Dorf

Die Radarstation auf dem Teufelsberg

Der Spreepark

Die Simon-Dach-Straße

Der Müggelsee

Ku 39,7 12

Die Wohnung meiner Freundin

Die Ringbahn gegen 5.30

Der Frühling (wegen Eichhörnchen)

Mustafa’s Gemüsekebap

Deine Mutter

Sie nicht zu lieben wäre mindestens so gruselig

wie beim Niesen die Augen offenzuhalten.

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11:29 „Bevor du’s wie?“ – Bevor du’s weißt kann es alles sein: Ein Bleichhorizont ist ein Oberbodenhorizont. Er wird auch als Eluvialhorizont bezeichnet.

11:53 Kowka sagt: „Über das Zölibat will ich nichts schreiben. Das ist mir zu heikel.“ Dazu der Zettelkasten: „Intelligenzzölibat – bin ich die/der/das Einzige, der/die/das mich versteht? Oder verstehe ich das falsch?“

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Soziometrische Poesie II: Zeilen von heute

für heute habe ich mir vorgenommen, alle ausgaben vom spiegel zu lesen.

bitte vermeiden sie es, wenn möglich, heute zu husten.

in japan endet heute die zeit der kirschblüte.

wohin mein rucksack mich heute begleitet, steht in den spuren seiner DNA.

wenn sich pink und blau heute überschneiden, entsteht ein gedicht.

wo stehen die fahnen heute auf halbmast?

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12:11 Frage an der Infotheke: „Ja, also, das Buch ist blau und spielt in NRW. Haben Sie das?“

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Oberflächenphänomene I: Medleys aus dem Zeitschriftensalon

Familienkunde. Ein Samenspender erzählt

Was unsere Mannschaft so einzigartig macht

Stil, Style, Wahnsinn

Das Geheimnis von Rio:

Kein Schwein muss Tiere essen

 

Schwarze Magie. Daheim und unterwegs

Wenn Männer mir Dinge erklären

Sammler von Aufstell-Figuren

Martin Walser. Untoter Kunstrichter

Die Briten und das Lob des Nichtstuns

 

Praxis der Zigarettenschachtel

Elastolin trifft Play Along. Neue Kombinationsmöglichkeiten

Kinder psychisch kranker Eltern

Gymnasium Bochum. Punk will never die!

Ihr seid alle Weltmeister

 

Wo kommen die guten Ideen her?

Soziale Kulturpolitik

Deutsche Gesellschaft für Flöte e.V.

(Ver)blühende Landschaften

Vom leisen Fieber des Tieftauchers

 

Die Kunst des Attentats. Love you, Probleme

Analog und zum Anfassen

So stemmte sich die Wehrmacht gegen Deep Purple

Schockbilder auf der deutschen Seele

Wotan Wilke Möhring erklärt, was das bringt

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12:25 Beneiden Sie manchmal Tiere, die ohne Hoffnung auszukommen scheinen, z.B. Fische in einem Aquarium?

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Soziometrische Poesie III: Bibliotheksmythen laut Saalpersonal

Der Klavierstimmer nahm immer 1 Kaffee mit Milch und 2 Stück Zucker. Leser und Klavierstimmer mögen es, wenn man sie betüddelt.

Löwen im Holz ist der Titel eines der 78244 Bücher, die bis zum 13.8.2014 seit ihrer Anschaffung für die Amerika Gedenkbibliothek nie ausgeliehen wurde. Am 29.4.2016 beläuft sich die Zahl der nie ausgeliehenen Bücher auf 30354.

Der Tamponmann war bunt wie ein Paradiesvogel und hatte einen hohen, bunten Hut, der mit Haarklammern und Tampons behangen war. Er ist irgendwann einfach nicht mehr gekommen.

Das gleiche gilt für die Frau im Hasenkostüm. Die war aber nur einmal da.

***

12:55                          Neben dem Regal mit der entleihbaren Kunst

                                                                      befinden wir uns

                                               wer hätte das gedacht

                                                       nicht im Gedicht!

***

Oberflächenphänomene II: Medleys aus dem Themenraum

hemden boten birkensetzlingen ein schutzblech (nach carolin callies)

die brunnenfigur taumelt in den wellenformen (nach ulrike almut sandig)

das gegenteil der kleinen welt wird mit haut und haaren verdeckt (nach orsolya kalasz)

der abschied, feines porzellan (nach karla reimert)

schaumkronen pochten unter der schädeldecke (nach birgit kreipe)

***

13:04 Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr? Was tun Sie dagegen?

Haben Sie keine Angst vor dem Tod (weil Sie materialistisch denken, weil Sie nicht materialistisch denken), aber Angst vor dem Sterben?

Haben Sie schon einmal gemeint, dass Sie sterben, und was ist Ihnen dabei eingefallen?

  1. was Sie hinterlassen? / b. die Weltlage? / c. dass alles eitel war? / d. eine Landschaft? /e. was ohne Sie nie zustandekommen (sic*) wird? / f. die Unordnung in den Schubladen?

***

Soziometrische Poesie IV: Zeilen von heute 2

bäume begegnen sich nicht.

vielleicht ist das schicksal

eine reihe von lebensvorschlägen:

 

ein gorilla im spiegel.

eluvial. hoi. häsch du

ä cändy. wenn tiere nur

reden könnten.

 

was würden sie sagen?

befinden wir uns hier

am grusligsten ort in berlin?

im olympischen dorf,

 

im spreepark, der wohnung

deiner ex-frau. wohin mein

rucksack mich nacher begleitet,

steht in den spuren von DNA.

 

wo stehen die fahnen heute

auf halbmast? der abschied

feines porzellan. fruchtbonbons

im bestechungsglas.

 

wiederholen sie diese worte

mindestens dreimal:

kirsch, kitsch, knirschen.

die rocky-mountains eine zettelbox.

***

13:37           Die Leute kommen und gehen,

                         reden über Ai Wei Wei

         Alle drei Minuten fährt eine gelbe U-Bahn vorbei.

***

Oberflächenphänomene III: die gelbe u-bahn

alle drei minuten

zieht sie sich wie eine immer

wiederkehrende girlande

durch den hintergrund;

ein sich zeitig einholender anlass

wird begangen

 

vom u-bahnhof zur bibliothek

sind es nur wenige schritte

hinter den scheiben

hat man den eindruck

man könnte ihr winken

und sie zum anhalten bringen

und aufspringen

 

jemand, der vom u-bahnhof

zur bibliothek hinüberläuft

sieht, wie im kanal etwas blinkt –

das stählerne herz eines schwans

der versinkt?

eine fischattrappe

die immer an der oberfläche schwimmt?

teile des vielbeschworenen

schatzes im landwehrkanal

den niemand hebt

weil er/sie/es sich bei tag nicht traut

und bei nacht nichts sieht?

***

14:01 Sieben Normale und kein Mensch auf der Straße zum Anschnauzen.

14:46 Kolchos-Bauern grüßen einen Panzer. Gischt schwimmt als Schaumkrone auf dem Kirschkitsch. Wiederholen Sie diese Worte mindestens dreimal: Nein. Nein. Nein.

15:11 „Entschuldigung, den Fokus, wo finde ich den?“

***

Oberflächenphänomene IV: Ku 39,7 12 (Blumensträuße für einen Panzer)

  1. Überbordender Purismus.
  2. a) Kitsch in der Kindheit.
  3. b) Kitsch in der Kita.
  4. Werbung für Touristenparadiese.
  5. Erotische Haremsszenen.
  6. Das religiöse Bild im Schlafzimmer.
  7. In großen Festen:
  8. b) Klare Botschaften. |
  9. a) Doppelte Botschaften. |
  10. Hund und Hirsch.
  11. Die erhabene Natur.
  12. Dreschen in der Kolchose.
  13. Der zunächst dem Suprematismus zugewandte Künstler.
  14. Die totalitäre Kunst.
  15. Die idealisierte arische Frau.
  16. Die Begeisterung für Pferde.
  17. Mehr georgischer Stahl.
  18. Der (weibliche) Körper.
  19. Barbie, mit zwei Freundinnen beim Sonntagsausflug, vor dem roten Cabrio mit den teuren Weißwandreifen.
  20. Pin-Up Girl auf Flaschenhals.
  21. Damenbein als Zigarrenabschneider.
  22. Busen-Doppelkerze von beachtlichen Ausmaßen.
  23. Ein Frau als
  24. a) Staubpinsel.
  25. b) Nussknacker.
  26. c)auf dem Topf.
  27. Eine Nachbildung der Skulptur von Antonio Canova, im Souvenirshop erhältlich.
  28. Marilyn Monroe und James Dean auf Desserttellern serviert.
  29. Ein Kunstwerk, das den Appetit anregt.
  30. Das berühmte Lilienporzellan.
  31. Lampe, Vogel, Presskristall.
  32. Der mexikanische Heilige der Raucher.
  33. Der Hausaltar eines Modedesigners.
  34. Ein Schrein zum Selberbasteln.
  35. Buddha-Köpfe in Serie.
  36. Die Metamorphosen eines Eimers.
  37. a) Kleine Kuhglocken.
  38. b) Winzige Kuhglocken.
  39. c) Keine Kuhglocken.
  40. Die Utopie der Wiederholung.
  41. Eine besonders betroffene Sorte von Kartoffelchips.
  42. Nostalgische Oblaten.
  43. Die stark erotisierte Darstellung der büßenden Maria Magdalena.
  44. Lenin für die Wand, aus Wolle gewebt.
  45. Die ewig unerschöpfliche Frage des Interieurs.

***

15:40 Seit 9:02 ist das interne Netz der Berliner Verwaltung gestört. Seit 13:12 hat sich diese Netzkrise auch auf die Suchmaschinen der Amerika-Gedenk-Bibliothek ausgeweitet; gegenwärtiger Stand unbekannt.

16:00 „Herr Stepperneck möge sich bitte bei der Anmeldung melden.“

16:18 „Achtung, Achtung. Es befindet sich ein kleiner, brauner, angeleinter Hund im Foyer, der sitzt da ganz schön im Weg rum. Wenn Sie einen kleinen, braunen, angeleinten Hund im Foyer gelassen haben, holen Sie ihn bitte dort ab.“

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Soziometrische Poesie V: Unterhaltungen mit Mitarbeiter*innen der Bibliothek

Gründe für einen Krankenwagen: Alkohol, Reichsbürger, Heroin, Buchlawinen, Ohnmacht, Übelkeit, Party.

Das Sicherheitspersonal am Eingang ist die Google-Einheit der Bibliothek: Wo sind die Körbe, Schließfächer, Toiletten, Ausleihe, Schlafplätze? Wo bekomme ich Bier? Kann ich auf der Wiese im Innenhof grillen? Wo kann ich etwas Holzkohle bekommen? Gibt es Bücher, die sie nicht mehr brauchen, die ich als Filibuster verwenden kann? Können Sie mir helfen, dieses Eichhörnchen zu fangen?

Häufigste Fragen im Lesesaal: Wo ist eigentlich der Lesesaal? Wie komme ich in den 1. Stock (der nicht zugänglich ist)? Kann es sein, dass ich mit meinem Feuerzeug die AGB in die Luft sprengen werde?

***

16:32 Wieviel Heimat brauchen Sie?

Ist die Ehe für Sie noch ein Problem?

Haben Sie schon Auswanderung erwogen?

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Oberflächenphänomene V – Medley aus dem Tip 2017

Flughafenscherben 2030 das Rollfeld ausradiert

reloaded dort wo Musik war werden bei Berlin

fünf Buchstaben eingespart – also Postwachstum

oder Prä-Freedom Stolperstein mit Umsatzplus

wer kann, beherbergt sie alle

denn sie haben nur ein Leben

aus den Konservendosen eines Start-ups

erwächst meistens etwas Gutes

Klick it like John F. Kennedy

türkischstämmige Weddinger Mädchen

im party-zipativen Theater der Liebe

steht meist nicht mehr als ein Bundestag voll neuer Helden

***

17:07 Sammelphase: Abgeschlossen

Derzeit: G13-Textbearbeitung

(Bonbons gibt’s trotzdem)

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