(ohne titel)

Danach gibt es kaum noch Grund für Fragen und es fällt
dieser fadenscheinige Regen, der allem Gewicht gibt,
durch den sich manche Ampelstreifen noch ahnen lassen:
Alle Stifte vergessen zuhause und das Papier sowieso,
nur in den Wiederholungen dieser Fahrt

werde ich darum Wurzeln treiben in die Steine eurer Berge
und wenn überhaupt dann ein Zettelquadrat finden
zum Beschreiben mit höchstens anteiligem Verständnis
meiner Lust an Fragen, vergraben in den Fugen vor Haus 42,
wo ich im Regen, wenn alles schwerer wog,
nach Grün schrie, nach einem Zweck zu meinen Mitteln,
verdreht zwischen den drei Ufern meiner Fremdsprachen,
und später geflüstert:

Wenn ihr jetzt alle zuseht wähle ich
einen Einzelnen

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7 Antworten zu (ohne titel)

  1. unmittelbarst schreibt:

    Das wurde am Freitag völlig übermüdet noch ein paar Menschen vorgelesen, als die meisten von uns schon weiter- oder nach hause gezogen waren. Deshalb sehr gern Kritik, bittedanke!

  2. Tristan Marquardt schreibt:

    Ich mag die Stimmung des Textes, finde ihn aber etwas unausgewogen:

    – ein Problem scheint mir im Widerspruch von „fadenscheinig“ und „Gewicht“ zu liegen, da ich mit erstem eher Nieselregeln assoziiere und zweites, wie die Wiederholung zeigt, aber wichtig zu sein scheint
    – warum du „so wieso“ so schreibst, verstehe ich nicht
    – Schwierigkeiten habe ich auch mit dem Schluss, weil mir unklar ist, woher da diese Wahlsituation kommt, wenn es doch „kaum noch Grund für Fragen“ gibt
    – und letztlich kann man sich streiten, ob der Schrei nach Grün nicht auch wieder ein bisschen zu viel Pathos-Aufstrich ist

  3. rebeccaciesielski schreibt:

    Das finde ich auch toll und kann obenstehende Kritikpunkte nur zum Teil nachvollziehen. „So wieso“ würde ich auch nicht unbedingt getrennt schreiben, bzw. erschließt sich mir der Sinn (bzw. „Mehrwert“) hinter dieser Schreibweise nicht wirklich. Den „Schrei nach grün“ finde ich in diesem Kontext aber garnicht so pathetisch und mag ausserdem, dass dadurch das Ampel-Bild wieder aufgerufen wird.
    Den Schluss finde ich übrigens ganz toll, obwohl er evtl. wirklich nicht zum Anfang passt (was meiner Meinung nach aber eine Interpretationsfrage ist und darauf ankommt, wie man das „danach“ zeitlich/metaphorisch?! einordnet).

  4. unmittelbarst schreibt:

    Danke euch! Das „sowieso“ habe ich geändert. Bei der Wahlsituation am Schluss stellt sich ja die Frage, inwiefern sie wirklich vorhanden oder nur eine Vorstellung bzw. ein Auflehnungsversuch des lyrischen Ichs ist. Denkt ihr, es wäre sinnvoll, die letzten zwei Zeilen kursiv zu setzen, sodass man sie dann als wörtliche Rede lesen kann, oder ist das eher kontraproduktiv und würde wieder zu sehr als absoluter Schlusspunkt (oder sogar als Zitat) wirken? Durch das „geflüstert“ davor wird ja eigentlich schon markiert, dass es sich um die Aussage einer bestimmten Person und nicht um die objektive Wahrheit des Textes handelt.
    Mit dem Pathos hatte ich auch meine Probleme, mittlerweile gefällt mir die Formulierung aber im Kontext ihrer Strophe gut, „wenn alles schwerer wog“ davor z.B. klingt ja in eine ähnliche Richtung und gefühlt läse es sich doch merkwürdig, wenn dann auf einmal ein leichteres Wort folgte (nichtsdestotrotz suche ich noch ein bisschen weiter).
    Dann würde mich noch interessieren, ob ihr beim Lesen „einen Einzelnen“ auf etwas konkretes beziehen konntet oder einfach so stehen gelassen habt?

  5. Tristan Marquardt schreibt:

    Also je mehr ichs lese, desto glücklicher werd ich mit den ersten beiden Strophen, aber aus dem Schluss werde ich – auch in den von dir vorgeschlagenen Varianten – nicht ’schlau‘. Und das liegt, glaube ich, wirklich an dem „wähle“. Ist das so zentral oder ließe sich da nicht etwas Anderes finden, das mehr Bezug zum Vorigen hat?

  6. linuswestheuser schreibt:

    dass das gedicht mit ‚danach‘ einsetzt, scheint mir etwas sehr typisches für lea-texte zu sein. sie stehen oft erstmal sehr weise und retrospektiv über ihren emotionen und ziehen ihnen dann von da aus die haut ab.

    was mich an diesem hier besonders flasht ist der einstieg der zweiten strophe „wurzeln treiben in die steine eurer berge“, das in verbindung mit den mitteln und zwecken ist schon eine sehr deutliche bezugnahme auf eine überindividuelle, in diesem sinne soziale fügung, die mich aufhorchen lässt: der ‚eiserne käfig der moderne‘ bzw. der zweckrationalität oder derartiges klingt da für mich sehr deutlich an.

    daher glaube ich auch der pathos, den man da merkt, – das kontern mit grün, wurzeln und fragen ist nun mal eine tendenz, die eine ebenso lange tradition hat, wie die moderne. aber das ist hier in meinen augen überhaupt nichts schlechtes, weil es nicht phrasenhaft daherkommt, sondern in gut entworfener unmittelbarkeit ein sehr grundlegendes problem (wieder-)aufgreift. umso spannender und kryptischer ist der kurze schluss, von dem ich mir in diesem zusammenhang nicht nur irgendeine form von auflösung erhoffe, sondern vielleicht eher eine konkretere neusituierung des problems in der jetzt-zeit. was dann kommt hat drei komponenten:
    1. die der sichtbarkeit, allgemeinheit und öffentlichkeit der auflösung.

    2. der bedeutung eines „einzelnen“, implizit: was? menschen? nein, eher wohl einen einzelnen (partikularen aber absoluten) zweck zu den mitteln. und weiter: im gegensatz zu was? zum allgemeinen, namenlosen, relativen. und beides führt dann

    3. in einen dreifachen widerspruch: nicht nur ist die allgemeinheit bedingung für das partikulare, das partikulare selbst bleibt absurderweise wiederum völlig unbestimmt, sodass noch nicht mal seine funktion enthüllt wird (dient „der einzelne“ als neutraler referenzpunkt, als teleologische rettungsfantasie oder als von der allgemeinheit gefordertes zwangsbekenntnis?). und die allgemeinheit wird dann auch noch beschworen mit einem (intimen) flüstern, also dem gegenteil des allgemeinen sprechens. als wäre sie, also „ihr alle“ (man nimmt an, dasselbe „ihr“ dem auch die berge zugehören, das wäre aber letztlich egal) entweder unglaublich nah, was zumindest kontraintuitiv ist, oder aber das ganze unterfangen der auflösung wäre von vornherein völlig hoffnungslos, was den „einzelnen“ aber auf eine seltsam sinnlose position rücken würde.

    wenn man das in der form ‚ernst‘ nimmt, wie ich das jetzt getan habe, führt der schluss also meiner meinung nach zwangsweise in eine völlig unauflösliche widersprüchlichkeit im negativen sinne, weil er systematisch jede möglichkeit für bedeutung auf zu wacklige füße stellt. ich würde da unbedingt noch was dran machen, weil der aufbau der szenerie und grob auch das ‚material‘ des schlusses (also was ich jetzt öffentlichkeit und partikulares genannt habe) an sich sehr viel versprechen und ein bisschen anders wohl auch halten könnten.

    auf jeden fall ein sehr interessantes gedicht. ich glaube, dass es insgesamt sehr viel potential hat, wenn du dich mit dieser reflexiv-emotionalen methode ‚gegenständen‘ zuwendest, die expliziter sozial konnotiert sind, lea.

  7. Tristan Marquardt schreibt:

    (also so einen hammerkommentar will ich auch mal kriegen! :) linus, du könig der späten nachtstunden!)

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