leaving greensleaves

holland war weit weg und tulpen
eine frage der verwandtschaft
mit feuchten haufen muttererde
vor baumärkten unter normalnull
eine promoaktion der blumenlobby

erste manöver der pollengeschwader
japsten im ozon der ferngespräche
und trieben in einer umlaufbahn mit
den liedern besoffener astronauten
die vormittags schon tranken

abends fielen sie als kleine springer
mit aufgespannten schirmchen
aus blühenden himmeln
gruben sich in eine stellung ein
und belagerten die saison

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Dieser Beitrag wurde unter Max Czollek, TEXTE abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu leaving greensleaves

  1. Tristan Marquardt schreibt:

    Ich mag den Text, der reiht sich gut ein in die Ich/Du-Geschichten, die du in letzter Zeit geschreiben hast, das ergibt einen schönen Zyklus. Zwei Fragezeichen nur: Das „noch“ im ersten Vers scheint mir Füllmaterial und verweist auf etwas, was nicht mehr wirklich aufgenommen wird. Und der vorletzte Vers ist zwar sozusagen durch seine Rahmung notwendig, könnte aber für sich noch stärker sein (umweltpapier vom kalender, naja).

  2. Lea Schneider schreibt:

    ich würde mich anschließen mit dem vorschlag, an der dritten strophe nochmal zu arbeiten. da kommt auf drei zeilen zweimal das wort papier, das doppelt sich dann wirklich auffällig. und auch umweltpapier vom kalender finde ich keine gelungene metapher (während natürlich vom kalender holen/die saison beschleunigen wieder schön ist und auch ein tolles ende).
    so ganz wird mir auch der zusammenhang zwischen den strophen nicht klar, wobei zwischen erster und zweiter für mich der größte hänger ist (ohne sagen zu können warum, scheint mir das ende wieder auf die erste strophe zu rekurrieren, vielleicht wegen dem blühenden himmel und den tulpen, und auch der übergang zwischen zweiter und dritter ist ja zumindest syntaktisch da, wenn auch vom wortfeld her ein neuer bruch kommt). also, je öfter ich es lese, desto besser und runder erscheint mir die erste und desto verwirrender im vergleich dazu die zweite strophe. was haben die telefonistinnen mit papierfliegern und tulpen zu tun? warum trinken die vormittags schon? warum machen ferngespräche ozon? da müsste man nochmal ein wenig mehr stringenz reinbringen, meine ich. die erste dagegen aber wirklich toll und die letzte wäre mit dem ändern von umweltpapier (ok, dann ist der bezug zu ozon weg, aber mit papierflieger davor und kalender danach geht das echt nicht) auch schön.

  3. Max Czollek schreibt:

    vielen, vielen dank für die kritik!
    da habe ich mir gerade rangesetzt (unkontrollierbar!) und mache jetzt was, von dem ich es eigentlich besser weiß: ich poste eine überarbeitung, ohne das original wegzunehmen – is eigentlich ein neues gedicht mit teilen des alten materials (auf dem PC sind die strophen eher gleich lang…). eine vergleichende perspektive tut sich vielleicht trotzdem auf ;)


    leaving greensleaves II

    japan war weit weg und papyrus
    eine frage der verwandtschaft
    mit feuchten haufen muttererde
    vor unseren gartenhäusern die

    stauden kamen per überlandpost
    geschöpft nach dem reinheitsgebot
    anno 870 wären wir fasern gewesen
    an einem verkehrsberuhigten ufer

    und fielen als papierflieger aus
    blühenden himmeln mit dem tag
    stieg der bedarf an kalenderblättern
    treibstoff einer kommenden saison

  4. Lea Schneider schreibt:

    Wow, das ist ja nun wirklich ein ganz anderer text geworden. stringenter als den ersten finde ich ihn auf jeden fall, auch die lösung mit den kalenderblättern gefällt mir besser. allerdings kriege ich tulpen und japan dann nicht mehr zusammen und vor allem habe ich natürlich sofort fukushima-tsunami-kernschmelze im kopf, was im text dann nur bedingt aufgefangen wird (verseuchter boden würde als assoziation natürlich funktionieren, aber sonst?). trotzdem finde ich, das gedicht gewinnt extrem durch den japan-bezug, vielleicht solltest du dann nur andere blumen nehmen? solche, die man eben nicht direkt mit holland verbindet. laut google wären klassische japanische blumen azaleen, chrysanthemen und natürlich bonsais – wobei die vielleicht etwas dämlich kämen. aber kirschblüten? das wäre mein erster gedanke zu japan und blumen gewesen.

    ich muss dringend aufhören, während der arbeit den blog zu lesen ;)

  5. Max Czollek schreibt:

    hmmhmm. also die assoziation japan-gau ist schon mit angedacht. was die tulpen sollten war, eine sozusagen heimische pflanze (frühling, blumengeschäft, etc.) mit der japanischen herkunft des papiers zusammen zu bringen. 870 wurde dort der erste kodex für papier geschrieben, eine art reinheitsgebot also. die wortfelder wären dann: tulpen – muttererde – gartenhäuser – blühende himmel – saison
    und japan – überlandpost – 870 – stauden – papierflieger

    wobei einzelne wörter zwischen diesen beiden feldern vermitteln. das wäre die angedachte methodik auch bei version 1
    holland – tulpen – gartenhäuser – unter normalnull
    das „wir“ schwebt im ferngespräch über dieser beginnenden saison (wofür holland eine chiffre sein soll): tulpen – blühende himmel – ozon. da findet die verbindung der veschiedenen wortfelder also anders statt: indem holland doppelt belegt ist // die zweite strophe führt auf das wir // die dritte in die synthese;
    bei version 2 ist japan über die papiermetapher eingebunden // formal weniger streng abgetrennt vom rest // als auftakt dient aber auch die politische dimension bzw. deren aktualität und auffällige abwesenheit in dem gedicht (bis auf blühend)

    dank! max

  6. Lea Schneider schreibt:

    Ok, dann wäre mein Vorschlag aber trotzdem, statt Tulpen andere „heimische“ Blumen zu nehmen (Krokusse, Narzissen, was auch immer mit Frühling assoziiert ist und gerade massenhaft verkauft wird). Gerade nach dem Hollandgedicht geht die Assoziation nämlich so gar nicht mehr weg. Und 870 scheint mir ein wenig Gefahr zu laufen, ähnlich zu havarieren wie die Weltkriegsopfer in meinem letzten Gedicht, wenn es eine tragende Bedeutung für den Zusammenhalt des Textes haben soll. Ohne die genauere Bedeutung zu kennen, habe ich es beim ersten Lesen als etwas rätselhafte, aber nicht unstimmige Randbemerkung und Charakterisierung für das „wir“ gelesen, aus der eine sehr schöne Stimmung entstand, gerade in Kombination damit, wie der Satz dann in der dritten Strophe fortgeführt wird. Einen Zusammenhang zwischen Japan – Papier hätte ich damit aber nie hergestellt. Wenn du das haben willst, musst du da glaube ich nochmal anders rangehen. Achso, und statt „anno 870“ würde ich „von 870“ o.ä. setzen, denn Anno implziert ja doch deutlich Anno Domini, und damit eine christliche, mindestens aber europäische Zeitrechnung, die einen da noch zusätzlich in die Irre führt (ich glaube, unter anderem deswegen bin ich nicht auf die Idee gekommen, das Reinheitsgebot in irgendeiner Form mit Japan in Verbindung zu setzen).
    Ansonsten wird deine beabsichtigte Struktur denke ich ziemlich klar und funktioniert auch prima!
    Lustig finde ich übrigens immer wieder, wie die meisten von uns doch von unseren ziemlich konkreten Lebensumständen beeinflusst werden im Schreiben. Ich erinnere mich an eine ganze Anzahl eisig kalter Wintergedichte in der Zeit von November bis Januar, und jetzt scheint sich der Blog so langsam mit Frühlingstexten zu füllen… Wetter ist offenbar doch ein starkes Thema :)

  7. Tristan Marquardt schreibt:

    Da muss ich auch noch mal beipflichten: Die Kette „japan – überlandpost – 870 – stauden – papierflieger“ funktioniert beim besten willen nicht so wie beabsichtigt, es sei denn du verlinkst 870 mit dem entsprechenden wikipedia-artikel, was – weil das ja nun nicht so toll wäre – das problem noch mal verdeutlicht.

  8. Max Czollek schreibt:

    jaja. aber mal ehrlich: das muss ich alles gar nicht haben (und das müsst ihr auch nicht haben!). wäre doch schrecklich, wenn wir jetzt wieder in die vollständige entschlüsselbarkeit kämen… die dinge sind angelegt, klar, aber wenn es sich nicht jedem erschließt – auch gut! mir langts ja schon, wenns irgendjemandem auffällt.
    die wesentliche frage ist aber: funktioniert das gedicht?!

    dann zu 870: das ist weder zentral noch das gleiche wie bei die toten des zweiten weltkrieges bei leas gedicht, weils da ja schwerste bedeutung suggerierte. diesmal isses ja nicht einmal wirklich angesprochen worden, bis ich davon schrieb ;) ich hoffe, dass man sich hier einfach auf die suche machen kann, wenn man will. wenn nicht, dann nicht. wesentliche frage: funktioniert das gedicht?

    angeboteangeboteangebote.

    p.s. mir sagte jemand aus dem lyrikzirkel, tulpen wären frühlingsblumen. wenn dem nicht so ist, dann akzeptiere ich auch krokusse!

  9. Tristan Marquardt schreibt:

    ja, es funktioniert! ich hatte wie immer sogar gehofft, 870 heißt vor allem 870 und ist nicht konkret bedeutungsschwanger. und dass dir der verweis auf den papierkodex nicht zentral ist, hör ich gerne, weil ich glaube, sobald man dieses wissen in die lektüre importiert, wirkt der text nicht mehr, sondern weniger („ah, das heißt es also! na dann!“). – so viel vom camp der semanikskeptizisten. ilja, wedel mal mit unsrer flagge! :)

  10. Lea Schneider schreibt:

    jep, funktioniert. und natürlich muss es nicht komplett entschlüsselbar sein! ich wollte dich nur darauf hinweisen, dass die von dir aufgezeigte gedankliche verbindung nicht unbedingt funktioniert, aber gleichzeitig wurde ja auch schon erwähnt, dass ich sie da nicht für so entscheidend halte, und dass sie eben nur mit den weltkriegstoten zu vergleichen wäre, hätte sie das sein sollen (puh, konjunktivschlacht). tulpen sind schon frühlingsblumen – aber eben auch die niederländische wappenpflanze oder sowas in der art und m.m. viel zu stark mit holland konnotiert. die blumenläden sind voll mit hyazinten und narzissen, nimm doch sowas – und streich das anno, dann unterschreib ich ;)

  11. Linus Westheuser schreibt:

    ich find die ursprungsversion ueberfett.

  12. Max Czollek schreibt:

    so. noch eine kleine überarbeitung des ursprungstextes. die beiden versionen gehen immer weiter auseiander. vielleicht werdens ja mal zwei gedichte ;)

  13. Linus Westheuser schreibt:

    ich mag die ueberarbeitungen sehr, bis auf den astronauten, da fande ich die typistinnen irgendwie ein bisschen geerdeter und auch interessanter als wort/personengruppe. ausserdem sind ‚betrunkene, die tranken‘ eine wiederholung, die fuer mich effektlos bleibt.

    und mal am rande: warum eigentlich greensleAves und nicht wie in dem lied greensleEves? und was macht ueberhaupt dieses lied hier?

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