[narcissus und echo]

1
aonisch berühmt, die bläuliche nymphe
macht die probe, gab den erleuchteten mann.
fünfzehn jahre helles getön. ist einer allhier?
die schwätzerin belistet, schlau, wird selbst
narcissus, von der zunge schickt sie gewalt.

2
drohungen verdoppelt als jüngling, bestehen
je mehr sie ihm folgt. meidest du mich? wie die
knienende echo, wachsende sorge. was meidest
du mich?
verachtet schlüpft sie in den wald,
späht ihn als schwefel, laut und gebein.

3
dort gewässer, weidende ziegen. komm! komm!
leichtgläubig rührt sie die feuchtende welle, gierigen
quell. hascht sein gesicht, unmännlich die wang, wie
schimmert der hals. solch anmut verlangt lob. wendet,
was sie erblickt: oftmals denselben, unkundigen wahn.

4
der unglückliche entweicht ihr nicht: verzehrt den knaben,
das freundliche antlitz, in dunklem grase unersättlich.
wie oft sie den mund, fast scheint er gebreitet.
was denn tun? auch sie schmachtet den nymphen.
wer sie war vergoss, wünscht sich fern das geliebte.

5
kaum aufblühen, enthüllte brust: hier uns vereiniget! wie
sinnlos, trüb, der obere rand. vereiniget: knabe, echo, vormals
sie. also erscheint ein apfel, klärt das wasser. unvermerkt
färbt sich gewöhnlicher knabe, gefällt sich selbst, rief: womit
sich bewundern im spiegel. nachzutönen, leis wütende hand.

6
aber auch dann, nachdem in die untere wohnung er einging
schaut er sich in stygischer flut. betrauert die schwester.
ward barde, besorgt und brand. geschwungene fackel,
fand sie nirgends, der leib, sie in sich gegürtelt, auch
dann ein gelbliches blümlein, rings um den kelch.

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8 Antworten zu [narcissus und echo]

  1. Friederike Scheffler schreibt:

    dies ist eine experiment. ich habe mich an ovids metamorphosen gewagt. und radiert, bis dies hier
    übrig blieb: narcissus und echo. mit ovids worten.
    aber mit etwas anderem anklang und ausgang.

    jetzt bin ich auf kommentare gespannt. !

  2. Tristan Marquardt schreibt:

    ich bin erstmal baff. mein erster eindruck ist entzückt-verwirrt. mehr in bälde.

  3. Florian Zimmer-Amrhein schreibt:

    ich hab den text jetzt zum dritten mal gelesen. meine erste reaktion von vor 2 tagen war: da hat aber jmd virtuos ovid verschustert! :) ich kenne ovid allerdings selbst nur von zitaten her (so zb das hier auftauchende: „schaut er sich selbst in stygischer flut“) und kann deshalb den, wie du sagst, individuellen „anklang und ausklang“ deines gedichtes nicht einschätzen.

    • Friederike Scheffler schreibt:

      dank dir, florian. die stelle, welche du zitierst ist tatsächlich die einzige, die ich komplett so übernommen habe. sonst ist gnadenlos collagiert :)
      mich würde in diesem fall tatsächlich interessieren, was der_die leser_in hier inhaltlich erkennen kann. denn es ging mir auch um eine umschreibung der geschichte..

      ?!

  4. Tristan Marquardt schreibt:

    also auch ich bin jetzt beim dritten mal lesen angekommen und meine antwort auf die frage, was man inhaltlich erkennen kann, ist leider ernüchternd: kaum etwas, auf inhaltlicher ebene bin ich total überfordert. aber ich weiß gar nicht, ob das so schlimm ist. der merkwürdige liebreiz, der von dieser textkette auf mich ausgeht, hat seine ursache wahrscheinlich in dem hybrid, das sie darstellt: überall preschen diese stark narrativen momente durch, die dann aber immer wieder abgesägt und in rhythmus und vielleicht noch allgemeiner die konzentration auf sprache statt inhalt überführt werden – was an deine lyrischen verfahren erinnert. mir kommt es vor, als stünde vor mir etwas, das sagt: hier stünde ich jetzt also und sage dir etwas, mit händen und füßen. und diese extremitäten tragen natürlich den ganzen ballast (ovid! narziss! deutsch!), aber sie bewegen sich auch ganz viel und bilden formen und geben zeichen. und dann geht es mir so, dass ich diesem treiben gerne zuschaue und mich ein bisschen davon einlullen lasse, weil ich so gut unterhalten bin. nur bin ich ein leser, dem inhalt häufig fast schon allzu sehr schnuppe ist, und deswegen stört mich nicht so, dass er hier so rumschwirrt und die abschreckt, die verstehen noch für etwas wünschenswertes halten. und das kann schon ein problem sein. für mich ist es das nur mäßig.

  5. Tristan Marquardt schreibt:

    ach und müsste es nicht „äonisch“ heißen?

  6. Christopher Izgin schreibt:

    Hallo, Rike!
    Ich habe mir den Text hier erst nach der Besprechung durchgelesen und habe nun ein paar Sachen verstanden: Es handelt sich also wirklich um eine Collage! :)
    Nach wie vor bin ich der Meinung, dass der Text überladen ist von Adjektiven und Adverbien. Ich empfehle Kürzen.
    Des Weiteren komme ich als Leser nicht mit deinem Narrativ zurecht. Ich finde aber ohnehin, dass du in deinem lyrischen Ansatz gar nicht das Ziel verfolgen musst, eine bereits verfasste Geschichte wiederzukäuen; interessanter fände ich einen persönlicheren Ansatz, der mit dem gegebenen Material (in diesem Fall also auch mit der Sprache) selbstständig lyrisch arbeitet. Ich fände es cooler, wenn du die Geschichte also nicht erzählst, sondern „verarbeitest“. Ich hoffe, du verstehst, was ich meine :)

  7. schlumpf schreibt:

    das Ganze ist sehr sehr schön angelegt (ohne Ovid geht zwar gar nix, und das ist auch gut). mir war es Stellenweise sogar ästhetisiert, und hätte hin und wieder auch mehr kick vertragen. einige (kleine) Versatzstücke find ich belanglos und austauschbar. wie du die beiden lover über-und ineinander-legst ist einfach geil und klappt. was ich nicht verstehe in welche Richtung es gehen soll. weil die (Collage-) Übersetzung funktioniert aber dann wieder (zu) leis interpretiert wird, damit mutest du einem Leser schon ziemlich was an Einfühlungsvermögen zu, ist das gut? ich weiß es nicht. mir gefällt der Text.

    den Schluss überreiß ich zwar nicht, a poet (thief of fire) goes around und zündet was an? trotzdem gut.
    (ich besaß noch die Frechheit zu einigen Vermerken)

    1
    aonisch berühmt, die bläuliche nymphe
    (ist es wichtig, dass sie bläulich ist, oder nur Zierrat? frage an Ovid)
    macht die probe, gab den erleuchteten mann.
    (wann gibt sie den erleuchteten mann? ist das Referenz auf Theresias oder auf den „glühenden“ Narziss oder will sie’s (Echo) besser-wissen (probe)(dann: wieso Mann u nicht Frau?) so wies steht wirkt der Satz sehr groß aber unnahbar)
    fünfzehn jahre helles getön. ist einer allhier?
    die schwätzerin belistet, schlau, wird selbst
    narcissus, von der zunge schickt sie gewalt.

    2
    drohungen verdoppelt als jüngling, bestehen
    („bestehen“ und „je mehr sie ihm folgt“ klinken zwar ein, aber nur halbwegs, das „je mehr ..“ ist aber klasse für die nächste Zeile „.. meidest du mich“ usw. sowie „bestehen“ für die erste.)
    je mehr sie ihm folgt. meidest du mich? wie die
    knienende echo, wachsende sorge. was meidest
    du mich? verachtet schlüpft sie in den wald,
    späht ihn als schwefel, laut und gebein.
    (letzte Zeile=klasse)

    3
    dort gewässer, weidende ziegen. komm! komm!
    (braucht es die Ziegen?)
    leichtgläubig rührt sie die feuchtende welle, gierigen
    quell. hascht sein gesicht, unmännlich die wang, wie
    schimmert der hals. solch anmut verlangt lob. wendet,
    was sie erblickt: oftmals denselben, unkundigen wahn.
    (die vier Zeilen, sind zu voll und zu wenig voll. zu viel nämlich an loser Schönheit (Oberflächenbetrachtung, Spiegelbild mit Bild aber ohne Spiegel) und zu wenig drunter, (bis auf: „unkundigen Wahn“ der aber zu ungewichtig artikuliert ist – verglichen mit dem worum’s geht .. worum gehts eigentlich? jaja klar, „solch anmut verlangt lob“, aber heißen müsst es: es braucht schon größe sich selbst aufzuessen, ich stelle mir Narziss ja als zermagerte Twiggy vor)

    4
    der unglückliche entweicht ihr nicht: verzehrt den knaben,
    das freundliche antlitz, in dunklem grase unersättlich.
    (bei freundlich brauchts noch was, dass es rockt)
    wie oft sie den mund, fast scheint er gebreitet.
    was denn tun? auch sie schmachtet den nymphen.
    (das „schmachten“ in seiner Gegensätzlichkeit=hier klasse)
    wer sie war vergoss, wünscht sich fern das geliebte.
    (fern wünschen? hä?)

    5
    kaum aufblühen, enthüllte brust: hier uns vereiniget! wie
    sinnlos, trüb, der obere rand. vereiniget: knabe, echo, vormals
    (sinnlos, trüb, der obere rand= ist mir zu platt, verglichen mit der feinen subtileren Manier der restlichen Verse)
    sie. also erscheint ein apfel, klärt das wasser. unvermerkt
    (der Apfel kracht ja sehr bedeutungsschwanger rein, ist er aber nicht wirklich, oder? und mir scheint auch nicht, dass er das Wasser kläre)
    färbt sich gewöhnlicher knabe, gefällt sich selbst, rief: womit
    sich bewundern im spiegel. nachzutönen, leis wütende hand.
    (leis? marmorhart-reindreschen-a-la‘-tyler-durden würd ich)

    6
    aber auch dann, nachdem in die untere wohnung er einging
    (schön das, mit der wohnung und eingehen)
    schaut er sich in stygischer flut. betrauert die schwester.
    ward barde, besorgt und brand. geschwungene fackel,
    fand sie nirgends, der leib, sie in sich gegürtelt, auch
    dann ein gelbliches blümlein, rings um den kelch.
    (kelch-aua-erhör-mich-ich-bin-symbol, gegürtelt=klasse, auch barde, besorgt und brand=klasse)

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