Textkette 6 – Biesenbrow

Dies ist der Anfang einer Textkette, die während eines gemeinsamen Urlaubs in Biesenbrow in der Uckermark begonnen wurde. Jeder Text reagiert auf den unmittelbar vorhergehenden, ohne die Texte davor zu kennen. Mitgeschrieben haben an dieser Kette bis jetzt Max, Tabea, Kowka und Tristan.

(6.1)

ich gebar im traum ein kind, das war tot,
als es zur welt kam und affenähnlich,
das gesicht nach unten gewandt lag es
sehr flach auf der erde, ich weiss noch,
ich hatte schreckliche angst und es
fiel mir erst spät am tag wieder ein,
als ich ass, ich ass wurst, plötzlich fiel
mir das ein, ich wollte es wieder vergessen,
aber das kind blieb für den rest des tages
sah ich frauen und männer, sie trugen
vor der brust ihren sprössling,
es war kalt und die sprösslinge manchmal
vor schichten beinahe nicht sichtbar,
ich dachte wie wäre das, wenn sie andere
dinge da trügen, beschützt, einen bund
kirschzweige z.b. und wie ich jetzt schreibe
liegts mir wieder am brustkorb
als würde jemand mit zwei flachen händen
draufdrücken und hinter den ohren
fühle ich mich verletzlich.
ich wünschte ich könnte dir das erzählen
und lieber noch dass du mich wiegst,
dass wir das zusammen aufwiegen.

(6.2)

im traum wächst uns ein zweig
aus dem schädeldach
daran hängt ein toter spross

mit leuchtenden händen
läuft vormittag durch die halden
zerdrückt das wolkenmoos

in den körben unserer brust
suchen wir nach einem anfang

wissen nicht wo zu graben
und sollten wir etwas finden
wissen wir nicht, wollen wir es behalten

(6.3)

was wir sehen, wenn dunkelheit kommt, sehen unsere träume anders.

nimmt vormittag form an, zeit in ihrer zigsten jugend gestalt.

das licht konzentriert sich auf den himmel.

wolken sind die unklaste form von wasser.

könnten wir in ihnen graben, wir grüben.

(6.4)

sie würde ihr büro verdunkeln, kleine fläche
von der hohen decke hatten sie ihr weniger
nicht geben können, fensterflügel derer angesichts
sie immer wissen wollte welche kleinen leute
die bewegen konnten, legten sich gelenk zusammen
eine seidenbrille lieh ihr den gewünschten blick
doch was sie wirklich sah in stunden schlaf
das wusste sie am ende nicht mehr

sie hatte den gedanken zu oft schon gehegt
um ihn nicht irgendwann in tat zu setzen
dachte sie und war erstaunt als sie erwachte
und zurücksah auf die erste sprechzeit
die sie effektiv verschlafen hatte
ob von diesem vormittag mehr bleiben würde
in der eigenen historie, terminanwärter
hätte sie durch brillenstoff genausogut gesehen

um wirklich wach zu werden durfte sie des lichts
und breitete die fensterflügel weit nach außen
die verharrten selbständig in dieser stellung
wie im wissen dass es einer wüsten brise durfte
scheibe rahmen fensterkreuz emporzuheben
draußen sah sie lauter licht nur himmel
alles irdene ihr nähere ging diesem eindruck unter
oben staute etwas, sickerte diffus herunter

und sie konnte nicht umhin zu denken: ultramarin
als farbe steht für sich und sagt
im monochromen spektrum alles aus
braucht keine wörter, wolken trüben ein
von fleckförmig bis großschlierig
und sollen für sie unklar wasser sein
die farbe büßt sofort an tiefe, alles irdene
ihr nähere lag langsam wieder frei

so rückte auch die imposante seitenfront
an der sie stand von neuem in ihr blickfeld
wenn sie rauch- als wolkenschwaden
und als gräber ansah
passte die bewegung die es brauchte
führte sie in wieder ultramarine tiefe
und sei es nur durch einen schacht
in dem sie ihre blicke bündeln konnte

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Max Czollek, Tabea Xenia Magyar, TEXTE, Tristan Marquardt abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s