[nachts, dunkel geht an]

nachts, dunkel geht an, schwarz blendet stark. flutlicht auf rasenschach
nicht. fragen erreichen mich, wofür wirst du bezahlt. in welcher gebärde
lauert gewalt. sind es hubschrauber, senkrechter start, bohren sie löcher
in die nacht, quatsch, wand. heben nicht ab. es ist, als sei sex jetzt sehr

alt. wind geht durch straßen, bäume zu zählen, kommt nicht zurück.
ruhe nur wie zu ohren gedrungen, realität feiere morgen ihre letzte
vorstellung. einen weit verbreiteten moment lang halten alle, die
atmen, atem an. dann kommt morgen, luft, von nacht neu erfunden,

steht rum. am himmel macht das licht auf, einriss bei einlass, wolken,
ich weiß das: hier liegt mein wohngebiet, dort ein anderes, hinten
liegen die anderen anderen. schwebt ein aber über allem, ich habe
menschen getroffen, die wissen, blicke meutern die aussicht. zögen

flüsse ans meer, sagen sie, zög ich mit. kennen die gesten: revolver nie
getragen haben, aber greifen ins nichts, wo er sitzt. jahrelang namen
in scheiben von bushaltestellen geritzt. punkt gemacht hinterm satz,
dass es einen unterschied zwischen waffe und werkzeug gibt. fallen

schüsse, dann kommt nacht, lässt der himmel seinen bildschirmschoner
laufen. dann lange nichts. ich, irgend schlummer, ganz gesicht. augen
halten, bewegen sich. blick ist stift, schreibt auf die aussicht. skizziert
sich plätze, schlaf einzusammeln, als ob schlaf sich sammeln ließe.

Veröffentlicht unter Tristan Marquardt | 7 Kommentare

die frau an der station

die frau an der station lässt die blumen fallen
ich bleibe für immer allein
der brustkorb dreht frei, spudelnde bläschen
wasserstoffe in ungleicher temperatur
trägt sie die einkäufe nach hause
dekoriert den milchschaum mit pulver
schablonen meiner lunge
die ihre fensterflügel öffnen

mineralwasserluft
eine schüchterne pfütze
tropft auf die dielen
sie hat eine saubere wohnung
ich bin teil ihres milchschaumes
ihres einkaufszettels an vormittagen
wo mein haufen frischer wäsche
auf ihrem boden verdampft

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landschaft mit federn

wäre es gestern gewesen? vison einer landschaft
die vollends nur aus vögeln besteht
struppige wesen mit schnäbeln ohne helme
ich möchte einen helm haben mit federn und büschen

eine einzige aufgehübschte annekdote an das dasein
will ich die federn aus den kissen rupfen tag für tag
und in das gleißende licht der morgenröte schmeißen
in das ich meinen helm halte auf dem steht: ICH MACHE MIT!

mein helm ist so groß wie der schnabel des graureihers
wie das bein des storchen und die schwanzfeder des pfauen
mein helm ist ein schild das die längen und kürzen des lichts
addiert und subtrahiert bei jeder sonnenwende.

ich schmeiße die federn mit aller großzügigkeit
tag für tag an dem man die kissen schüttelt weich macht
weich wie die leber am morgen das zähe fett der säuger
die tranige spur eines suppenhuhns am himmel.

hartes brot im rücken bis zur abendröte gerupfte
fotos von gestern eine landschaft ohne federn
in der mein helmbusch die einzige wahrheit ist
die letzte glückseelige notiz auf dem flug nach süden.

Veröffentlicht unter Maria Natt, TEXTE | Hinterlasse einen Kommentar

Zur Politik der Lyrik! Auftaktdiskussion am Samstag, 1.3.

Ein politischer Mensch mit klaren Überzeugungen und Positionen kann, wenn er oder sie ästhetisch hochwertige Gedichte produziert, mit diesen letztlich nicht unpolitisch sein.

…befindet Enno Stahl, Literaturwissenschaftler und Autor (zuletzt: Diskurspogo. Über Literatur und Gesellschaft, Verbrecher Verlag 2013). Aber welche Überzeugung? Und wo geht’s von ihr zum ästhetischen Wert? Auf welche Weise bleibt es nicht beim Wollen? Wo steht die politische Lyrik? Heißt politisch eigentlich links? Und wer liest das Ganze überhaupt?

Entschieden fragend und voranschreitend wagt sich die Diskussion zur Politik der Lyrik nach einem ersten Gang durchs Internet zum ersten Mal auf die Bühne. Enno Stahl diskutiert mit der Redaktion der Hamburger Literaturzeitschrift randnummer, Simone Kornappel und Philipp Günzel, vertreten durch letzteren und moderiert von G13s very own Linus Westheuser. Allen Anwesenden liegt eine Politisierung der Literatur am Herzen, über das Wie soll aber herzlich gestritten werden: Während Stahl in der Vergangenheit die Fahne eines reformierten Sozialrealismus hochhielt, setzte die randnummer eher auf experimentelle Verfahren, durchaus mit Draht zur Avantgarde. Ob Lyrik kommunizieren kann, darf oder muss wird also Thema sein und wer oder was am Gedicht real ist. Passend zur Vierten Welt und wie sie über dem spuckenden, summenden Kotti hängt, werden wir uns dabei unweigerlich auch der Stadt annehmen und welchen Platz sie in den Gedichten findet.

Alle sind eingeladen zuzuhören und mitzudiskutieren.
Beginn ist 20 Uhr. Eintritt gegen Spende. Ort: Vierte Welt (Zentrum Kreuzberg, Galerie 1. OG, Kottbusser Tor)

schnecke

Mit dabei:

Philipp Günzel, geb. 1980 in Hamburg, ist Lyriker und mit Simone Kornappel Herausgeber der randnummer Literaturhefte, 2011 war er Preisträger des lauter niemand-Preises für politische Lyrik und Finalist beim Open Mike, zahlreiche Veröffentlichungen in Zeitschriften.

Simone Kornappel, geb. 1978 in Bonn, ist Lyrikerin, Übersetzerin, Illustratorin und Mitherausgeberin der randnummer. 2014 erscheint ihr Debütband raumanzug bei luxbooks.

Enno Stahl, geb. 1962 in Duisburg, ist Romanautor und Literaturwissenschaftler am Heinrich-Heine-Institut. Mit Swantje Lichtenstein leitet er den Literaturclub Düsseldorf. „Das terroristische Potenzial des Rheinländers ist lange Zeit unterschätzt worden“, so die taz, womit allerdings – siehe Geburtsort – der Held aus seinem Roman 2Pac Amaru Hector (Verbrecher Verlag 2004) gemeint ist.

Linus Westheuser, geb 1989 in Berlin, ist Lyriker und Mitglied von G13. Seit Oktober 2013 betreibt er mit Charlotte Warsen und Joel Scott den Blog Hallo Präsident – Für eine Politik der Lyrik auf der Seite des Babelsprech-Projekts der Berliner Literaturwerkstatt.

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zuckerberg

entschuldigt, ich habe diese krake
diese hakennase nicht malen wollen
da griff mir etwas in den stift

aber ich schwöre euch, ich hatte
hollywood vor augen, glaubte mich
damit auf der sicheren seite

ich verstehe das alles nicht
schließlich habe ich kein monster
mit fiesen hörnern gezeichnet

ein laptop ist kein geldsack
da habe ich nicht dran gedacht
kraken tragen bei mir lockige haare

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Hinterlasse einen Kommentar

[Feuerwehrgedicht I]

der anruf kam mitten am morgen, kaum eine stunde war da
in serie gegangen. draußen lag luft, von nacht neu erfunden,

stand am anderen ende ein mann, vor den letzten metern seiner
sprache. sagte, er habe sätze gesehen in straßenmitten nur aus

gedankenstrichen. häuserzüge mit leuchtstift markiert. brannte
ein dach, sagte er sich: zögen flüsse ans meer, zög ich mit.

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lady winter

lady winter, gibst mir finten
die obligatorische choreografie
den dingen ihren gestank zuzuwedeln
überall bleibt wasser, wo ich mir bojen dachte
hütchen auf bravour gesetzt, optimistische züge
wenn ich ehrlich bin, kann ich hingucken, wo ich will
und nichts trägt weiter als bis zum nächsten wir sind uns alle einig
große rudel, kompanien, zucken, weiterrinseln
wenn ich wütend bin, bleibt mir die tiere zu zählen
sind vollgepackt mit feierlichkeiten, die ich nicht teile
dreh ihnen eine schulter zu, streichel mir die andere
begebe mich in unwesenheit, an land
es beginnt ein neues jahr, bisher hat niemand nach schuld gefragt
wer im recht ist, macht die augen zu und geht, lady winter
würdest du bitte endlich still sein, bitte

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