Textkette 2 – Biesenbrow

Dies ist der Anfang einer Textkette, die während eines gemeinsamen Urlaubs in Biesenbrow in der Uckermark begonnen wurde. Jeder Text reagiert auf den unmittelbar vorhergehenden, ohne die Texte davor zu kennen. Mitgeschrieben haben an dieser Kette bis jetzt Lea, Tabea und Tristan.

2.1
ausgangspunkt ist die länge einer strähne deiner haare von der breite deiner ausgestreckten arme; sie ist keine abbildung, sie ist ein modell. von der länge einer tragfläche, bei aufwind, und der breite einer geschichte mit zu vielen details. so nicht überliefert, aber möglich.

möglich ist auch, was man nicht sehen kann, möglich ist die länge des schattens, den dein körper wirft, von der länge des flugs und der breite deines brustkorbs von links nach rechts als durchmesser.

möglich ist es, jemanden zu lieben, wie zucker in der revolutionszeit oder ein hanuta im letzten moment, wie das permanente proben des ernstfalls, wie eine schraube die maschine liebt: mit dieser freude des besitzens, die in jeder maßeinheit steckt, von der länge deiner wirbelsäule, durch schönheit legitim.

denn es reicht nicht aus, wenn dinge schön sind, man braucht einen zeugen dazu. man braucht jemanden, der mitmacht, und etwas, das man wiederholen kann, ohne dass man dadurch etwas üben will. offene rechnungen. was ich sage, wenn ich meine. wenn ich meine, sagen zu müssen: wenn es an dieser stelle vögel gibt, will ich sie ohne symbolische funktion, aber mit anspruch auf ewigkeit.

auf eine, die nicht langweilig wird. wenn wir fossilien am anfang ihres herstellungsprozesses sind will ich, dass die paläontologie niemals in der lage sein wird eindeutig zu bestimmen, welches von den beiden sich im stein an das andere schmiegt.

2.2
wie eine schraube die maschine liebt
drehe ich mich in die materie.

ich habe mich an dich geschmiegt oder du an mich.
im schlaf der paläontologie nachhängen.

manchmal habe ich das als aufgeben empfunden
aber eher als aufbruch

wenn ich darnieder lag
habe ich konferenz gehalten.

nachforschungen anstellen, sagte sie.
von der aussicht lag ich wieder darnieder.

jetzt habe ich anlauf genommen und hoffe,
dass jemand kommt und über die stelle wandert.

z.b. eine strähne, ein schatten,
ein riss, oder ein freund.

ich lauere im gras. ich muss diesen moment abpassen.
es ist schwer, nicht einzuschlafen.

als hilfe übe ich offene rechnungen
ich denke an die ausgestreckten arme meiner mutter,

form, die auf erlösung wartet,
immer kleiner wird,

während ich mich entferne.
mit dem begleichen, da haperts.

2.3
dein skill eine kinski-schraube, du driftest ins bild.

landschaft ist die entscheidung für grün.

noch ist sie. noch immer kein umland verbraucht.

wo ich liege, gelinge ich dem gras partiell.

mein innerer stream, den ich, läuft er nach draußen, schließe.

handlungsnah lesen.

in einer einstellung gehst du, zählst die mängel der moves.

deine entfernung von mir ist deine entfernung zu mir.

riesige wiesen, das wasser dahinter, spielt teich.

du hingegen bist klein, hat die weite eingeweidet.

sie ist grün genug, um gesehen zu werden.

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Textkette 6 – Biesenbrow

Dies ist der Anfang einer Textkette, die während eines gemeinsamen Urlaubs in Biesenbrow in der Uckermark begonnen wurde. Jeder Text reagiert auf den unmittelbar vorhergehenden, ohne die Texte davor zu kennen. Mitgeschrieben haben an dieser Kette bis jetzt Max, Tabea und Tristan.

(6.1)

ich gebar im traum ein kind, das war tot,
als es zur welt kam und affenähnlich,
das gesicht nach unten gewandt lag es
sehr flach auf der erde, ich weiss noch,
ich hatte schreckliche angst und es
fiel mir erst spät am tag wieder ein,
als ich ass, ich ass wurst, plötzlich fiel
mir das ein, ich wollte es wieder vergessen,
aber das kind blieb für den rest des tages
sah ich frauen und männer, sie trugen
vor der brust ihren sprössling,
es war kalt und die sprösslinge manchmal
vor schichten beinahe nicht sichtbar,
ich dachte wie wäre das, wenn sie andere
dinge da trügen, beschützt, einen bund
kirschzweige z.b. und wie ich jetzt schreibe
liegts mir wieder am brustkorb
als würde jemand mit zwei flachen händen
draufdrücken und hinter den ohren
fühle ich mich verletzlich.
ich wünschte ich könnte dir das erzählen
und lieber noch dass du mich wiegst,
dass wir das zusammen aufwiegen.

(6.2)

im traum wächst uns ein zweig
aus dem schädeldach
daran hängt ein toter spross

mit leuchtenden händen
läuft vormittag durch die halden
zerdrückt das wolkenmoos

in den körben unserer brust
suchen wir nach einem anfang

wissen nicht wo zu graben
und sollten wir etwas finden
wissen wir nicht, wollen wir es behalten

(6.3)

was wir sehen, wenn dunkelheit kommt, sehen unsere träume anders.

nimmt vormittag form an, zeit in ihrer zigsten jugend gestalt.

das licht konzentriert sich auf den himmel.

wolken sind die unklaste form von wasser.

könnten wir in ihnen graben, wir grüben.

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das jahr, in dem die kröten den wald verließen, war jedes
sie zogen in gedanken an ferne, die sie zog

Veröffentlicht unter Tristan Marquardt | Hinterlasse einen Kommentar

an den narbenrändern

nullerjahre ihr kennt
die mittellosen meere
kratzt an den mauern
die andersseitig bestätigte
passnummern tragen

wie viel sand habt ihr gezählt
in den abgeliehenen nationen
verwahrt die airbagfragen
im mund und seht
den rostlosen frachtern
beim kursschwanken zu

das ist eine insel
bekunden wir manchmal
den zwang zur beortung
wenn den vielen dinge passieren
gegen die wir beträge bedienen

ihr kommt nicht hinaus
aus dem geborensein graben
eure kinder nach bargeldbehebungscodes
künftige blindgänger und künftige
kinder bevölkern sich unter
den kapitalblasen hindurch

das ist eine insel
wie viel sand ist gezählt
an den narbenrändern der welt
platzen slums seinszeugend
haften uns tausend kontrollsprachen an

ich illusioniere mich nicht
wir ermitteln das meer
im regal stehen die produkte
mit dem rücken zur wand
nur meine staatsanleihen
es sind immer die richtigen

 

 

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[ich habe schon mal was von einbahnstrassen gehört]

0505

ich habe schon mal was
von einbahnstrassen gehört

und auch von eisenbahnen
und ginster.

und es gibt dinge,
die leuchten an hängen

und begriffe, die nehmen
mich nicht ernst.

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Vi Azoy – Avrom Sutzkever (Übersetzung)

Vor einier Zeit habe ich einen Artikel des Musikers und Dichters Daniel Kahn aus dem Englischen übersetzt. In dem Artikel befasste Kahn sich mit dem jiddischen Lyriker Avrom Sutzkever. Zunächst auf Babelsprech.org veröffentlicht (Original auf Asymptote), äußerte Konstantin Kaiser von der Wiener Zeitung Zwischenwelt (Theodor Kramer Gesellschaft) Interesse an einem Abdruck der Übersetzung. Für diesen Artikel habe ich den Text von Sutzkever ins Deutsche übertragen. Folgend erst die Jiddische Version, dann die Umschrift mit lateinischen Buchstaben, schließlich meine Übersetzung.

?װי אַזױ

װי אזױ און מיט װאָס װעסטו פֿילן
?דײַן בעכער אין טאָג פֿון באַפֿרײַונג
ביסטו גרײט אין דײַן פֿרײד צו דאַרפֿילן
?דײַן פֿאַרגאַנגענהײַטס פֿינסטערע שרײַונג
װו עס גליװערן שאַרבנס פֿון טעג
?אין אַ תהום אָן אַ גרונט, אָן אַ דעק?

דו װעסט זוכן אַ שליסל צו פּאַסן
.פֿאַר דײַנע פֿאַרהאַקטע שלעסער
װי ברױט װעסטו בײַסן די גאַסן
.און טראַכטן׃ דער פֿריער איז בעסער
און די צײַט װעט דיך עקבערן שטיל
.װי אין פֿױסט אַ געפֿאַנגענע גריל

און ס׳װעט זײַן דײַן זכּרון געגליכן
.צו אַן אַלטער פֿאַרשאָטענער שטאָט
און דײַן דרױסיקער בליק װעט דאָרט קריכן
– – װי אַ קראָט, װי אַ קראָט

אין װילנער געטאָ ,14.2.1943

 

Vi Azoy?
Fun Avrom Sutzkever

vi azoy un mit vos vestu filn
dayn bekher in tog fun bafrayung?
Bistu greyt in dayn freyd tsu darfiln
dayn fargangenheits finstere shrayung?
Vu es glivern sharbns fun teg
in a tom on a grunt, on a dek?

Du vest zukhn a shlisl tsu pasn
far dayne farhakte shleser
vi broyt vestu baysn di gasn
un trakhtn: der frier iz beser
un di tsayt vet dikh ekbern shtil
vi in foyst a gefangene gril

un s’vet zayn dayn zikorn geglikhn
tsu an alter farshotener shtot
un dayn droysiker blik vet dort krikhn
vi a krot, vi a krot – –

in Vilner geto, 14.2.1943

 

Wie also

Wie und mit was wirst du füllen
deinen Becher am Tag der Befreiung?
Bist du bereit beim Freudengebrüll
zu hören das Echo der Schreie?
Wo Scherben funkeln von Tagen
In Gräben ohne Boden, ohne Dach?

Du wirst Schlüssel suchen passend
für deine verrosteten Schlösser.
Wie Brot wirst du beißen die Gassen
Und denken: früher war es besser.
Und Zeit wird stumm an dir nagen
Wie eine Grille gefangen in der Faust

Deine Erinnerung wird man vergleichen
mit einem alten, erloschenen Dorf.
Und deine Augen werden dort schleichen
Wie ein Maulwurf, wie ein Maulwurf  – –

Wilnaer Ghetto, 14.2.1943

Veröffentlicht unter Max Czollek | Hinterlasse einen Kommentar

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seit mein schlaf in serie ging
gelinge ich meinen träumen

Veröffentlicht unter TEXTE, Tristan Marquardt | Hinterlasse einen Kommentar