Textkette 4 – Biesenbrow

Ein weiterer Teil jener Textkette, die während zweier gemeinsamen Schreiburlaubs von G13 in Biesenbrow in der Uckermark 2015 begonnen wurde. Die Zahlen vor den Texten diente nur der Zuordnung und steht in keinem Bezug zu den anderen Reihen. Jeder Text reagiert auf den unmittelbar vorhergehenden. An dieser Kette mitgeschrieben haben bis jetzt Paula, Tristan, Rike,  Kowka und Tabea.

4.1

nachts aus der straße ausbiegen, gedankenstriche
in der mitte, ich tue nichts. große schritte, die in kleinen
denken, kennt ihrs? antrag ungezeichnet abgelehnt
ein ultimatum stellen, sich darin rückwärts überholen
oder die haufen wäsche mit kreide umranden, brot essen
vorm schmieren, weil der hunger kommen muss, d.h.
mein linker, linker platz, hat was, ich lass das
messer in der rechten, bewaffnet schmeckts besser

da ist der wunsch, die straße nichts anderes, als anderes
zu verbinden, eine fixe idee, blödsinn, allen forderungen
gleichzeitig den boden zu entziehen – ist das bloß deko
oder eine version von: man könnte so viele regeln verlegen
ihr findet, man kann, ich finde, das ist keine handlung,
das gehört einem anderen tätigkeitsbereich an

4.2

es kommt nicht drauf an, was die buchstaben denken.
gelenke bedecken die welt von allein. die schultern stumm
an der weggabelung. greif deinen schal, der ein waschtuch

sein könnte, in dieser hitze, spür ich dummheit und wut.
wie viele herzen hast du verlesen, federvieh,
sehnen mit andacht gestreckt?

wie die hellen farben sich zwischen uns stellen.
stopf den mund voller beeren, beschwichtigung.

du gehst voran, mit großen schritten, sehr vielen zähnen,
berichtest vom schneefall, schnee, den du annahmst,
schnee an den grenzen, die du nie sahst.

das schlimmste ist: du kannst mir nichts. ich kenne das
belting der hälse, wenn die esel so schreien, diesen donnerstag,
mit der angst vorm zerbersten. mit der liebe als kind.

es kommt nicht darauf an, was die buchstaben denken.
sind wir uns nicht ähnlich? alle? ein anhänger, ein anfall
gemüt? ein hahn, von mir aus, mit haut überzogen.

aus der ferne dein winken. dahinter, endlich: ein hof.
androgyn, voller eufeu. wir schlafen im stroh.

4.3

die konvexe oberfläche der erde
ist voller ansatzpunkte für gelenke
ist sie selber gliedmaß auf der einen seite
liegt jenseits des gelenks frei bewegliches
sind beide enden an der erde befestigt
herrscht stillstand als wäre es absicht

zwei beispiele im zwischenraum:
– von den schultern aus der thorax
führt nach unten und nach oben
– wären buchstaben flexibler in den knien
könnten sie der wörter last abfedern

trägt ein hahn sein prachtkleid auch an wochentagen
der besucher denkt er wird gepflegt
und tauscht die schlange um den hals
gegen einen waschbärpelz
mit knopflöchern von feinem schrot

die hühner lesen hülsenfrüchte
aus dem tellerherz v.a. muskelmasse
an empfindungen die eine oder andere
läuft vom spitzen winkel ihrer schnäbel

und esel sind als torwärter unnahbar
wenn man hört dass etwas aufgeht
sie den stand auf ihre hinterfront verlagern
durch die flanken sich ein zittern stiehlt

anthropomorphismus ist ein hohes gut
die kuh erkennte den verlust nicht an
dürfte ihre freundin nur noch muhen
– standortnotiz, wo wir uns dabei befinden:
stillgelegter bahnhof auf der strecke
zwischen hier und dem nächsten stadtstaat

4.5

auf der strecke verläuft der weg wie ein winkel. der boden ist sandig,
die nacktschnecken noch in erinnerung, aber die erde längst voll.
nur stoppeln treten hart gegen den himmel, abziehbilder von hitze,
in die telefonmasten ragen. da, wo sich die bäume verschlingen
verschwindet die leitung, wird unnahbar und der wald wiegt
die traurigkeit wie ein lied. leises mitsummen. lichtungen,
vorschläge von ferne, am rand der sachliche mund einer grube,
der sagt weil man sie durchschreitet werden distanzen real.

4.6

der sachliche mund einer grube/
die kiesel ein fletschen in sengendem licht
wenn ich mich standfest auf landschaft beziehe
löst sich ein ort vom gps
das starren auf dinge überträgt energie
starrendes leitet ein flirren zum fokus
am blick laden sich gräser mit tempo und fülle
das prinzip gilt für alles:
entscheide dich für ein dasein und die landschaft wird folgen
entscheide dich nicht und sie geht trotzdem ab
richtungen gerieten hier aus der mode
leises mitsummen, ok, aber angesagt bleibt
dass du erst das gps bist/
und dann der ort, der sich löscht

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