„40 % Paradies“ auf Spanisch

Der in Granada lebende Übersetzer Carlos Catena hat sich unsere Anthologie „40 % Paradies“ (luxbooks 2012) vorgenommen und Gedichte von Can, Max, Rike, Paula, Tabea, Tristan, Mary und Helene übersetzt. Hier geht es zur einen Hälfte, hier zur anderen, in der auch Christoph Szalay, Hannes Bajohr und Gregor Weichbrodt übersetzt wurden.

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Kowka und Co. auf der ORI-Lesebühne

Auf der ORI-Lesebühne in Berlin-Neukölln findet am Donnerstag, den 17.09.15 um 20:30 Uhr unter der Schlagwortgruppe „United Colors of Beton“ ein „Urbanes Lyrikfest“ statt. Bei mindestens sieben Lesenden und freiem Eintritt kann man durchaus davon sprechen. Neben dem Mitschreibenden an diesen hier darliegenden Seiten werden mit Sicherheit zu hören sein: Lars-Arvid Brischke, Silke Peters, Jinn Pogy, Lutz Steinbrück, Rainer Stolz, Julia Trompeter. Kommt gern, was spricht dagegen..!

ORI: Friedelstraße 8, http://www.ori-berlin.de mit ausführlicherer Ankündigung und vielen Texthäppchen.

© Silke Peters

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[in was für einem raum ich gerne wohnen würde]

in was für einem raum ich gerne wohnen würde:
eine decke so hoch ich kann versuchen was ich will ich komme nicht heran
zwei fenster gepaart in derselben wand mit bogenförmigen ausschnitten oberhalb
die können von mir aus den ganzen tag verhangen sein
ein schöner dielenboden auf den ich achtgebe möbel werden angehoben
wo mein stuhl steht habe ich einen klarsichtigen plastikschutz zu liegen
nur dass dieser den boden viel stärker und feingriffiger zerkratzt
ein großes bett das habe ich von einer vormieterin es trägt verzierungen
dafür quietscht es ab und zu
einen massivhölzernen schreibtisch den habe ich von einem mitbewohner weil ich ihn
viel lieber haben wollte als er
einen drehstuhl den habe ich im hof gefunden und hinauf geschleppt
eine couch mit stellen die sollen wie leder aussehen die habe ich von einem
ausgezogenen nachbarn er wollte fast nichts dafür haben
unzählige regale und schränke darin ist alles aufgehoben was ich jemals besessen habe
wessen davon ich habhaft werden konnte und was nicht auf irgendeinem hoch- tief-
oder zwischendeck lagert
im mittelmeer sind heute hunderte menschen ertrunken
mir fällt ein: ich wohne bereits in diesem raum

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Kettenglied 2.15

Haarklein zaehl ich
messe mein ausmass 5x am tag
umfang von finger teilt ohrlaeppchen um 1/3
radius des ellenbogens perfekt fuer den ernstfall
mein schatten ein belegexemplar
wie willst du strassen aus zucker lieben wenn nicht mit der ganzen fussbreite?

um zu wissen was sein wird
musst du wissen wer du bist
vielleicht kannst du das nicht verstehen
vielleicht liebst du mich, aber ich
liebe meine pankreas

beneide alle maschinen
die ihre zahnriemen lieben koennen
– ohne scham
die freude des besitzes ist eine heimliche
das konto meiner anatomie niemals leer

es ist wahr
ich liebe den winkel deiner straehnen zueinander
durch schoenheit wird nicht alles legitim
ich werde: alle rechnungen mit dir offfen lassen
deinen schatten nicht herausfordern
deine wirbelsaeule hinnehmen wie sie ist.

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Textkette 6 – Biesenbrow

Dies ist der Anfang einer Textkette, die während eines gemeinsamen Urlaubs in Biesenbrow in der Uckermark begonnen wurde. Jeder Text reagiert auf den unmittelbar vorhergehenden, ohne die Texte davor zu kennen. Mitgeschrieben haben an dieser Kette bis jetzt Max, Tabea, Kowka und Tristan.

(6.1)

ich gebar im traum ein kind, das war tot,
als es zur welt kam und affenähnlich,
das gesicht nach unten gewandt lag es
sehr flach auf der erde, ich weiss noch,
ich hatte schreckliche angst und es
fiel mir erst spät am tag wieder ein,
als ich ass, ich ass wurst, plötzlich fiel
mir das ein, ich wollte es wieder vergessen,
aber das kind blieb für den rest des tages
sah ich frauen und männer, sie trugen
vor der brust ihren sprössling,
es war kalt und die sprösslinge manchmal
vor schichten beinahe nicht sichtbar,
ich dachte wie wäre das, wenn sie andere
dinge da trügen, beschützt, einen bund
kirschzweige z.b. und wie ich jetzt schreibe
liegts mir wieder am brustkorb
als würde jemand mit zwei flachen händen
draufdrücken und hinter den ohren
fühle ich mich verletzlich.
ich wünschte ich könnte dir das erzählen
und lieber noch dass du mich wiegst,
dass wir das zusammen aufwiegen.

(6.2)

im traum wächst uns ein zweig
aus dem schädeldach
daran hängt ein toter spross

mit leuchtenden händen
läuft vormittag durch die halden
zerdrückt das wolkenmoos

in den körben unserer brust
suchen wir nach einem anfang

wissen nicht wo zu graben
und sollten wir etwas finden
wissen wir nicht, wollen wir es behalten

(6.3)

was wir sehen, wenn dunkelheit kommt, sehen unsere träume anders.

nimmt vormittag form an, zeit in ihrer zigsten jugend gestalt.

das licht konzentriert sich auf den himmel.

wolken sind die unklaste form von wasser.

könnten wir in ihnen graben, wir grüben.

(6.4)

sie würde ihr büro verdunkeln, kleine fläche
von der hohen decke hatten sie ihr weniger
nicht geben können, fensterflügel derer angesichts
sie immer wissen wollte welche kleinen leute
die bewegen konnten, legten sich gelenk zusammen
eine seidenbrille lieh ihr den gewünschten blick
doch was sie wirklich sah in stunden schlaf
das wusste sie am ende nicht mehr

sie hatte den gedanken zu oft schon gehegt
um ihn nicht irgendwann in tat zu setzen
dachte sie und war erstaunt als sie erwachte
und zurücksah auf die erste sprechzeit
die sie effektiv verschlafen hatte
ob von diesem vormittag mehr bleiben würde
in der eigenen historie, terminanwärter
hätte sie durch brillenstoff genausogut gesehen

um wirklich wach zu werden durfte sie des lichts
und breitete die fensterflügel weit nach außen
die verharrten selbständig in dieser stellung
wie im wissen dass es einer wüsten brise durfte
scheibe rahmen fensterkreuz emporzuheben
draußen sah sie lauter licht nur himmel
alles irdene ihr nähere ging diesem eindruck unter
oben staute etwas, sickerte diffus herunter

und sie konnte nicht umhin zu denken: ultramarin
als farbe steht für sich und sagt
im monochromen spektrum alles aus
braucht keine wörter, wolken trüben ein
von fleckförmig bis großschlierig
und sollen für sie unklar wasser sein
die farbe büßt sofort an tiefe, alles irdene
ihr nähere lag langsam wieder frei

so rückte auch die imposante seitenfront
an der sie stand von neuem in ihr blickfeld
wenn sie rauch- als wolkenschwaden
und als gräber ansah
passte die bewegung die es brauchte
führte sie in wieder ultramarine tiefe
und sei es nur durch einen schacht
in dem sie ihre blicke bündeln konnte

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das jahr, in dem die kröten den wald verließen, war jedes
sie zogen in gedanken an ferne, die sie zog

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nullerjahre

du kennst
die mittellosen meere
kratzt an den mauern
die andersseitig bestätigte
passnummern tragen

wie viel sand hast du gezählt
in den abgeliehenen nationen
verwahrst die airbagfragen
im mund und siehst
den rostlosen frachtern
beim kursschwanken zu

das ist eine insel
bekunde ich manchmal
den zwang zur beortung
wenn den vielen dinge passieren
gegen die ich beträge bediene

du kommt nicht hinaus
aus dem geborensein graben
deine kinder nach bargeldbehebungscodes
künftige blindgänger und künftige
kinder bevölkern sich unter
den kapitalblasen hindurch

das ist eine insel
wie viel sand ist gezählt
an den narbenrändern der welt
platzen slums abgenutzt
haften mir tausend kontrollsprachen an

ich illusioniere mich nicht
du ermittelst das meer
im regal stehen die produkte
mit dem rücken zur wand
nur meine staatsanleihen
es sind immer die richtigen

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[ich habe schon mal was von einbahnstrassen gehört]

0505

ich habe schon mal was
von einbahnstrassen gehört

und auch von eisenbahnen
und ginster.

und es gibt dinge,
die leuchten an hängen

und begriffe, die nehmen
mich nicht ernst.

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Vi Azoy – Avrom Sutzkever (Übersetzung)

Vor einier Zeit habe ich einen Artikel des Musikers und Dichters Daniel Kahn aus dem Englischen übersetzt. In dem Artikel befasste Kahn sich mit dem jiddischen Lyriker Avrom Sutzkever. Zunächst auf Babelsprech.org veröffentlicht (Original auf Asymptote), äußerte Konstantin Kaiser von der Wiener Zeitung Zwischenwelt (Theodor Kramer Gesellschaft) Interesse an einem Abdruck der Übersetzung. Für diesen Artikel habe ich den Text von Sutzkever ins Deutsche übertragen. Folgend erst die Jiddische Version, dann die Umschrift mit lateinischen Buchstaben, schließlich meine Übersetzung.

?װי אַזױ

װי אזױ און מיט װאָס װעסטו פֿילן
?דײַן בעכער אין טאָג פֿון באַפֿרײַונג
ביסטו גרײט אין דײַן פֿרײד צו דאַרפֿילן
?דײַן פֿאַרגאַנגענהײַטס פֿינסטערע שרײַונג
װו עס גליװערן שאַרבנס פֿון טעג
?אין אַ תהום אָן אַ גרונט, אָן אַ דעק?

דו װעסט זוכן אַ שליסל צו פּאַסן
.פֿאַר דײַנע פֿאַרהאַקטע שלעסער
װי ברױט װעסטו בײַסן די גאַסן
.און טראַכטן׃ דער פֿריער איז בעסער
און די צײַט װעט דיך עקבערן שטיל
.װי אין פֿױסט אַ געפֿאַנגענע גריל

און ס׳װעט זײַן דײַן זכּרון געגליכן
.צו אַן אַלטער פֿאַרשאָטענער שטאָט
און דײַן דרױסיקער בליק װעט דאָרט קריכן
– – װי אַ קראָט, װי אַ קראָט

אין װילנער געטאָ ,14.2.1943

 

Vi Azoy?
Fun Avrom Sutzkever

vi azoy un mit vos vestu filn
dayn bekher in tog fun bafrayung?
Bistu greyt in dayn freyd tsu darfiln
dayn fargangenheits finstere shrayung?
Vu es glivern sharbns fun teg
in a tom on a grunt, on a dek?

Du vest zukhn a shlisl tsu pasn
far dayne farhakte shleser
vi broyt vestu baysn di gasn
un trakhtn: der frier iz beser
un di tsayt vet dikh ekbern shtil
vi in foyst a gefangene gril

un s’vet zayn dayn zikorn geglikhn
tsu an alter farshotener shtot
un dayn droysiker blik vet dort krikhn
vi a krot, vi a krot – –

in Vilner geto, 14.2.1943

 

Wie also

Wie und mit was wirst du füllen
deinen Becher am Tag der Befreiung?
Bist du bereit beim Freudengebrüll
zu hören das Echo der Schreie?
Wo Scherben funkeln von Tagen
In Gräben ohne Boden, ohne Dach?

Du wirst Schlüssel suchen passend
für deine verrosteten Schlösser.
Wie Brot wirst du beißen die Gassen
Und denken: früher war es besser.
Und Zeit wird stumm an dir nagen
Wie eine Grille gefangen in der Faust

Deine Erinnerung wird man vergleichen
mit einem alten, erloschenen Dorf.
Und deine Augen werden dort schleichen
Wie ein Maulwurf, wie ein Maulwurf  – –

Wilnaer Ghetto, 14.2.1943

Veröffentlicht unter Max Czollek | Hinterlasse einen Kommentar

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seit mein schlaf in serie ging
gelinge ich meinen träumen

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