Die „40% Paradies“-Tour in den Kieler Nachrichten und der Kritischen Ausgabe

„Junge Lyrik […] so sinnlich und ganz und gar nicht elfenbeintürmerisch entrückt, wie wir sie lange nicht gehört haben“, schreibt Jörg Meyer unter anderem in seiner Kritik zu unserem Tourprogramm „40% Paradies“  in den Kieler Nachrichten. Den „angleichenden Ton einer ganzen Gruppe“ bemängelt hingegen Crauss in seiner Besprechung der Berliner Aufführung für die Kritische Ausgabe.

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kriechtierapotheose

seinen fuß absetzen nach dem regelhaften
abgetretensein in einen angelaufen regen-
saftig dekorierten abstand zwischen grünem
grau und toposblauem ein beschwingtes setzen

das knirschen im kontaktmoment der sohle
hören und das auseinandergehen vieler scher-
ben deren eingetriebenwerden in den schleim-
igen zerstörten körper einer schnecke spüren
wie der fuß vom giebel an die windungen durch-
bricht etagenweise dieses haus dem kriechtier
und das kriechtier epithel für deckzell- oder
drüsenschicht dem bodenlevel näher bringt

vor regel triefend seinen fuß dann wieder he-
ben auf der stelle um sich sehen ob im abstand
noch ein drittes wetterliebendes bewegen (zu
den unbedeckten streifen haut gehörte nicht die
sohle) festzustellen sei den schritt in richtung
grau vollenden unter zähneknirschen weder
kaugummi noch kieselstein im zwischenraum
verspüren dieses ärgernis verläuft nach innen

entlang der windungen des aufgelösten hau-
ses prägt sich in das schuhprofil ein negativ
ist eingetreten dringt mit giebelspitz zur sohle
vor des darauf abgelegten körperteiles fuß am
level schuh der sohle klebt ein ganzer körper
lässt sich mit erneuten sätzen fortbewegen

es bleiben grußbotschaftlich ausgeformte
schuhabdrücke mit noch feuchtem siegel um
zum absender zu führen dessen angehängter
körper auf dem postweg fortwährend zer-
setzt wird sein visköses treiben stärker ein-
büßt von dem ursprungsekel der gestalt der
schnecke wenig übrig bleibt das weitergehen
sich deshalb nicht weniger pikiert gestaltet

häuserscherben mit retourschein aus dem prä-
gevorgang abgefallen werden aufgerieben und
verdicken ihrerseits den schneckenbrei den re-
genwetter matt geliebtes sonst im gegenstrom-
prinzip verwässert zwischen grünem grau nach
rundlauf auch dem toposblauen unterwäscht

in jedem schrittmoment den fehltritt denken
vor von regen pranger abgeschmeckter luft ge-
danklich auf den knien gehen wollen seinen
überhang von unbedeckten streifen haut in
diesen lebensspeicher nachempfinden kleine
wirbel turbulenzen ihrer strömung winden sich
als sublimierte schneckenhäuser über neben-
höhle nasenloch auf anschlag vor in epithelien

den ekel in gestalt der schnecke durch den gul-
li siebbeinplatte schniefen richtung mandelkern
amygdala das zentrum u.a. für schleimvermeng-
te emotionen aus dem schuhabsatz hervorgegangen

Veröffentlicht unter Alexander Makowka | Hinterlasse einen Kommentar

hamburg-pristina

habe das haus nicht verlassen es niemandem gesagt
hinter der tür streif ich die schuhe ab um geräuschlos zu bleiben
wenn ich in die küche gehe denke ich jede sekunde betätigt wer den schalter
steht im bettkasten und zernagt das gepäck
oder es klingelt und mir bleibt keine zeit für pantoffeln
nachts denke ich an meine väter weit weg
zähle passagiere am himmel ihre ticketlosen begleiter

Veröffentlicht unter Maria Natt | Hinterlasse einen Kommentar

[nur kurz ausgetreten]

nur kurz ausgetreten. fiel der park
ins gesicht, wollte schneiden.
wusste nicht was, aber schnitt.

die schnitte blieben liegen
wie unreife pflaumen.
niemand sammelte
die schmerzenden stellen ein.

wuchsen in die gegend
wie die gegend ins gesicht
gewachsen war, bildeten pfützen
und dann seen aus.

vögel stürzten in die seen
und starben, stürzten
einfach hinein und warn tot.

Veröffentlicht unter Tabea Xenia Magyar, TEXTE | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Poetische Wahlverwandtschaften: Ulf Stolterfoht & Max Czollek

Freitag, 2. November, 21 Uhr in der z-Bar
ulf & max

Die „Poetischen Wahlverwandtschaften“ sind eine Lesereihe, die jeden ersten Freitag eines Monats vom Verlagshaus j.Frank veranstaltet wird. Autorinnen und Autoren des Verlagshaus laden ihre Wunschautor_innen ein, stellen sich einander und dem Publikum in Lesungen vor und treten in einen inhaltlichen Austausch miteinander. Sie sprechen über ihre Poetiken, über das, was ihrem Schreiben zugrunde liegt, diskutieren über Gegenwartslyrik und Lyrik in der Gegenwart, über Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Sprache, kurz: sie gewähren einen Blick hinter die Kulissen und zwischen die Zeilen.

Das Gespräch von Ulf Stolterfoht und Max Czollek wird sich mit unter anderem mit der Frage nach dem Verhältnis von politischer und experimenteller Lyrik befassen, die in den letzten Wochen auch auf diesem Blog lebhaft diskutiert wurden. Damit wird an Fragen angeknüpft, die für G13, aber auch für gegenwärtige Tendenzen in der jüngeren deutschsprachigen Lyrik von interesse sind. Die Moderation übernehmen die beiden Autoren, deren gegenseitige Fragen den Abend strukturieren. Das Gespräch wird dabei immer wieder von Leseblöcken unterbrochen, welche der abstrakten Diskussion eine nachvollziehbare Grundlage verleihen.

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Lesung: Erinnerung an Kupfercreme

«What I’m proposing, to myself and other people, is what I often call the tourist attitude – that you act as though you’ve never been there before. So that you’re not supposed to know anything about it. If you really get down to brass tacks, we have never been anywhere before.» (John Cage)

Mittwoch, 31. Oktober 2012, 19:30 Uhr, Lettretage, Kreuzberg
Mit Johannes CS Frank, Max Czollek, Ricardo Domeneck und Maya Kupermann

zeitkunst 2012

Diesen Mittwoch präsentieren die vier festen Ensemble-Mitgliedern des Zeitkunstfestivals Johannes Frank, Maya Kuperman, Ricardo Domeneck und Max Czollek das Konzept des diesjährigen Zeitkunst-Programms „A Tourist Attitude – Hommage á John Cage“. Die Texte greifen Cages Gedankenwelt kritisch auf und beziehen Stellung zu zeitgenössischen Themen. Gleichsam ist es das Zeitkunst-Prinzip selbst, das neue Wege in Trennung und Zusammenführung von Text, Musik und Performanz wagt. Die Lesung findet in deutscher, englischer, portugiesischer und hebräischer Sprache statt.

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landriss. neuendorf. flucht

fleckenatoll, kalkschub küste
die dritte die vierte überfahrt
mit der strömung. wir laufen
durch aufgebahrtes laub asta
kniehohe kornblume. sollten
weißschürze hüte verstecken
den pinsel in wasser tauchen
noch sind wir leichte geister

wie schnell die haare reißen
flügelschlag. dort ziehen die
wilden gänse die grauen gen
westen. heulende walfänger
hinter dem rückendeich raum
ohne kanten konnten wir uns
nicht verstecken auf dem hell
lackierten zerfließenden blau

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Hinterlasse einen Kommentar

tanztheater

con moto, grazia, schassierende dolore
myokardinfarkt, coryfée, doppelpirouette
en avant zu fall, furore, figurantenkreis
sauté, drei sanitäter, allegro, herbei

grand pas, preparation, premier danseur
terre à terre, morendo verso espressivo
reanimation, variation mit batterie
accelerando, martellato, auf die brust

calando, hand in hand, affettuoso, triste
funerale, grave, eine harfe wäre giusto
grandioso, apotheose, mit posaunen
en face, forte, jedes fine säumen

Veröffentlicht unter Florian Zimmer-Amrhein | 4 Kommentare

cy twombly

belunder, durchs benzin wischen wie durch
(haut) sprießen. ja
ich mache vier pferde und einen wagen

rückwärts. nun fällt die wolke herunter
im nil. zwei flecken, der schlauch ist aus
sieh mal. man kann das alles (heißt) das
heißt man weiß wo man anfasst POST

BTKN WEBOM
KAN WEBOM

kann ich auf liegen im schlaf. die augen
ist vielleicht nur verknickt, mit

wenn oben die wolken oben stehenbleibt,
war jemand im haus, den man bloß
aus den winkeln sieht

die augen

ach und
sie ist
im meer

ich habe im bauch holz wie atmen brei fliegen
und deinen, kann ich (benzin)

ganz. ganz langsam dann
komm sie raus, guck
regnet raus aus der wiese (regnt!)

Veröffentlicht unter Linus Westheuser | Hinterlasse einen Kommentar

[naherholungsgebiete]

chlor und widerhall von der decke. weißt du noch, wie das geht?
die pusteln auf der haut nimmst du als trotzreaktion, nicht als
allergie. schlüsselkind, das ist, als ob man den tag herausschält
und dann aufgrund einer verwechslung bloß die schalen isst.
stell dir vor, wie du probleme mit ganz kleinen mündern küssen
wirst, im sommer drauf, im wasser. festgenähte seepferdchen,
so sicher wie erde in einem fallenden blumentopf. die wirbel
abgezählt, die zehen auch beim zweiten versuch eine ungrade
zahl. balkonstühle und klinker, die gesichter davor haben nur
mit badekappen zutritt (dass keins sich verstecken kann): ziepende
gummirahmen um die nächstgelegenen naherholungsgebiete.

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | 4 Kommentare