[frachten wir ihr altes holz]

frachten wir ihr altes holz
zwischen barrierefreie demenzen
eine qualifizierte betreuungsinstanz
der gewinnstreben untersagt ist

ihre wäsche fährt nach polen
eine kann im skat gewinnen
feilscht um pflegestufen
den eigenen sessel im zimmer

an manchen tagen schieben wir
die falten ihrer bettdecke vor mich hin

Veröffentlicht unter Paula Glamann | Hinterlasse einen Kommentar

[schulterblick]

i’m not in the picture cause i took it
(touchy mob)

auf dem foto läufst du durch ein feld. schulterblick: man weiß nie,
was da hinter einem kommt, nur rückschauend ist das alles kausal,
post hoc ergo propter hoc. auf dem foto gibt es mehr kanister als
du zählen kannst und einen fremdkörper, aber der bewegt sich nicht.
wie schaufensterauslagen, denen man ansieht, dass sie sich wundern.
oberflächlich erschlossenes land, stellenweise schon rückgebaut wie
das innenleben von schafen im ruhrgebiet. renaturierte schweigestellen,
dazwischen die abkürzung von vorder- zu mittelgrund, auf der du über
frisch gefallene kastanien läufst, dunkelbraune einschlaglöcher im feld.

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | 2 Kommentare

Denpasar-Darwin-Brisbane-Seoul-Frankfurt

10 X 12 irgendwo dazwischen
prostituierten sich die städte
den armbanduhren der passagiere
ohne einen ort zu haben

tage und nächte bückten sich
unter die mahlzeiten setzten blasen
in getränke die nichts kosten außer
akzeptanz und wahnsinn

ich hielt mein gesicht bei den starts
und landungen entgleisten seine züge
sah es manchmal mit tropfen
um das inkonsequente wetter laufen

dass es eine scheibe gibt so dick und fett
dass alles hinter ihr verschwindet
zu zetteln wird, wattewulsten oder
alten kinofilmen, bei denen man noch rauchen darf

den horizont aßen alle gemeinsam auf
bis ich bloß noch eines spürte: meine
taschenmesser ein stockwerk tiefer da
schnitt ich den abspann ab

Veröffentlicht unter Nele Wolter, TEXTE | Hinterlasse einen Kommentar

[schemata, überhaupt]

schemata, überhaupt: saumselig dein genre. vom unterschied zwischen
elben und elstern. vorsichtig testest du die freuden der jagd. zwei körper
als fluchtpunkt, kompetenz. du unterscheidest, was wozu gehört. woher
die lichtungen, lücken im wald. verstörte schüsse, fehler im moos.
fixierst die stelle: fantasie. du treibst, ja richtig, ein doppeltes spiel.
diagnose mit weitblick. fabel ohne moral. das gesehene ähnelt rotwild
im winter. wehrt sich, noch mal ineinander verschlungen. eins ist dünner,
trägt depression. kämpft mit dem zweiten. du zögerst, nein, du jagst
sie nicht. schiebst deinen schutzfilm, intelligenz. ihre glieder
im dunkeln, ihren flaum. duckst dich, raschelst, weichst zurück.

Veröffentlicht unter Friederike Scheffler | 6 Kommentare

auszüge eines schattenkatalogs

deckschatten
form von schatten, die bei dunkelheit in lichtkegeln auftritt. trägt auf die schicht licht, die eine lichtquelle auf die dunkelheit gelegt hat, eine weitere schicht dunkelheit auf.

abschatten
tritt ebendort auf, funktioniert aber genau umgekehrt: negiert das licht und macht die darunter liegende schicht dunkelheit wieder sichtbar.

hubschatten
positive variante des abschattens. negiert das licht nicht, sondern hebt die dunkheit unter dem licht hervor. bei hubschatten wechseln licht und dunkelheit die seiten.

kehrschatten
rückseite eines schattens, die nur von jenen (dingen) wahrgenommen werden kann, auf die der schatten fällt.

schattenschatten
schatten, den ein schatten wirft.

möglichkeitsschatten
ist im fall kompletter dunkelheit jener schatten, der sichtbar würde, wenn es nicht dunkel wäre.

schattenspur
vergangenheitsform eines schattens.

schattenheit
form von dunkelheit, die nicht durch die allgemeine abwesenheit von licht entsteht, sondern durch eine so große häufung an schatten, dass jeder ort, an dem licht sichtbar werden könnte, ausbleibt. bei schattenheit ist das licht zwar anwesend, kommt aber nicht zum ausdruck.

Veröffentlicht unter Tristan Marquardt | 5 Kommentare

[läßt sich aufschaukeln]

läßt sich aufschaukeln, die farbe des holzes geht mit der farbe
des tisches immer auf tuchfühlung. sie können nicht ohne.

nicht die schatten, erfindung des bodens. hier fühlt der tisch
sich aufgehoben. sie sagen: zwischen schatten und boden,

da passt kein papier, kein tasten, mehr durch. da kommst du
nicht ran. dann musst du schlafen gehen, ohne zu duschen,

weil der verlust des gedankens, duschen zu wollen, schwerer
wöge. um überhaupt alles nicht zu tun, als hätte man es getan.

wenn ich bspw. meine hand vergesse, tue ich so, als hätte ich
sie nicht vergessen. denkzettel für die erinnerung: der tisch, die

hand, ein griff zur tür, die nach hinten führt. hinter ihr, denke
ich, eine seife. sie vermag alles zu waschen, außer sich selbst.

Veröffentlicht unter Tristan Marquardt | 7 Kommentare

19.10.12, 20 Uhr, Lesung im Ballhaus Naunynstraße

freitext 20

Das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext wird 20 Ausgaben alt. Seit zehn Jahren hat sich das Magazin zur Aufgabe gemacht, mit Aufsätzen, Gedichten, Theaterstücken und Romanauszügen, mit Bildern und Gesprächen eine transkulturelle Perspektive auf die Kulturproduktion in Deutschland zu etablieren.

Zur Jubiläumsfeier im Rahmen der Reihe Vibrationshintergrund lesen Redaktionsmitglieder wie die Angry Birds (Marianna Salzmann, Deniz Utlu) und die Gastautor_innen Mely Kiyak, Noah Sow, Mutlu Ergün und Max Czollek (G13). Passend zur Agenda des Blattes steht der Abend inklusive der anschließenden freitext-Party unter dem Motto: Überschreiten!

P.S. da es sich hierbei um die erste Lesung von Max Czollek nach zweimonatiger Abwesenheit handelt, wird der Abend gleichwohl zu einer Wiedersehensfeier! Alte Bekannte, Freunde und neue Erinnerungen sind hiermit allesamt herzlich eingeladen!

Veröffentlicht unter LESUNGEN | Hinterlasse einen Kommentar

(ohne titel)

was das ist, stunden am saum tragen, feiertage, die pflaster,
sieben mal ging der zeiger zur tür, vergaß sich

ich blieb unter giebeln, blieb in einer taube verschlagen
verfasste ellytisch zitate aus brot und erbsen

nach fünf tagen verließ ich die bretter, nur manchmal
erinnerte ich die feste kruste ihrer oberfläche, die hobel

krazte an gegenständen die blau waren oder kante
dunst als anzugspunkt und glocke

den kirchtürmen blieb ich skeptisch, faltete arme
barg nester unter dem wams wenn es eng wurde

Veröffentlicht unter Maria Natt | Hinterlasse einen Kommentar

das gesetz des utopischen standorts

theodor w. adorno erschlägt am pazifik eine biene. für die tausend
autos im himmel und ich, ich verhalte mich still. der goldene ball,
den ich halte. wenn ich alles meide, was sprechen kann. das ist
die revolution, ein erdnussstrauch im zentrum der theorie.

und die welt ist unbenutzbar. die körnigen projektionen des pazifiks
auf den palisaden so that the gods constantly depart. theodor
w. adorno hadert mit seiner zigarette. er betritt eine institution. ich kann
alleine nicht sein und wenn mich jemand küsst, dann bin ich ja allein.

die ungewissheit der finger auf der tastatur. unter dem aspekt der
ewigkeit. ist ein trommeln auf schalen im hinteren winkel der küche,
die kamera ist anderswo. dies ist keine apologie des ängstlichen
bürgertums. theodor w. adorno schaltet eine glühbirne ein, seine hände

bleiben ihm frei. auf den bildern sieht man die leute im hintergrund,
teamsters and turtles. mit erhobenen mittelfingern gehen sie ins bett.

Veröffentlicht unter Linus Westheuser | 19 Kommentare

das gesetz der natürlichen künstlichkeit

der abdruck der, der hand auf dem buntglas, dahinter das meer.
gesetztes, ausgesetztes, in immer kleineren kreisen.
der stoptanz auf tasten. man wird nicht müde zu sagen:
ich komm nach der schule nachhause.

und es ist gelogen, in der beobachtung, in einem glas,
während man wartet, die herde verfilzt mit dem wasser, das fell
in den augen, solange man nicht daran denkt. wir brauchen
schon ein getränk, um wirklich alleine zu sein,

auf dem schulhof zwei drei sich überschneidende
kreise. oder der haufen stühle am wasser: melba,
verzogen, auf einer planke im meer. die sterne sind hungrig
vergessen die route am morgen und am abend.

auch sie sind also auf uns angewiesen. jeder, der einmal den
mund aufmacht, weiß, dass man das geld essen kann.

Veröffentlicht unter Linus Westheuser | Hinterlasse einen Kommentar