da scheiden sich die geister: was in etwa mangel heiße. denn zu-
gegeben, so ganz unberechtigt ist die frage nicht: was da statt ge-
funden habe. je nach beziehungsweise: ob mehr in sie genommen
oder eher wegen ihm betroffen. was hat uns das entgeistert! wie statt-
halter namentlich verwaisen. doch halt! der reihe nach entgleisen.

anfangs fing das reisen noch begeistert an: sie hat es in ihm. gut
getroffen, statt gefunden, auf genommen. ja, auch durch geknallt.
doch: etwas fehlt halt immer. oder schlimmer noch: das einge-
hauchte leben. jetzt ja keine panik, sonst platzt sie damit heraus.
oder es aus ihm. dann wird es intim, und er nervös, weil sie gelöst.

sprich: je mehr der szene mangelt, desto beklemmender wird die
verheißung. versprochen. denn was die zukunft betrifft, meint
eher: wessen ist betroffen. so auch zu sagen: zwar führe man von
treiben zu abtreiben nur ein schmales stück masse ab. doch sei
auch die frage, ob er oder sie sich dann abnable, trägt sie es aus.

so auch den angelegten konflikt. denn die crux mit dem nachwuchs
schwoll mit jedem augenblick. da blieb nur die wahl: mit ihr an ihm
zu wachsen. quasi mit mutter natur von gottes wille ganz zu schweigen.
oder nur halb: spielten sie uns doch schlimm mit. klar: kaum aus ge-
sprochen, sollte es auch verwaisen. doch durften wir nicht dabei sein.

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ohne titel (und wenn die tram schreit)

und wenn die tram schreit im weitergehen vom
licht verstört und mild auf dem schotter
bricht dir das die zunge alter gehst du ganz?

(an den rändern blüht was) ja längere tage und
steine zu heben der weg zum nächsten bier zur
tram so nah man macht sich keinen begriff

so auf die alten tage einen heben das ist
leicht wie ein dahingesagter frühling und
nur einen steinwurf entfernt ist alles ganz

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

01042010 1907 Roseggerstr. 9 Küche

400 Meter unter Grund du vor mir mit den hohlen Klüften deiner
Fischaugen in meinen die ich jetzt ansehen muss mit nichts
als einem Flimmern vor der Iris vor deinem Fischartigem Sein nichts als eine
Stroboskopaufnahme im Flimmern im
Rauschen in der Tiefe
dort unten unter
400 Meter unter Grund du vor mir mit dem Wellenbruch deiner
Stimme die ich jetzt hören muss mit nichts
als einem Gluggern im Gehörgang vor deinem bruchartigen Selbst
nichts als das Gurgeln vor dem Spucken im Gluggern im
Rauschen in der Tiefe
dort unten unter
400 Meter unter Grund und du vor mir mit der heißlüftigen Schwüle deiner
Atemblasen aus deinem Mund die ich jetzt spüren soll mit nichts
als einem Surren aus der Lunge vor deinem blasenartigem du
nichts als ein lähmender Wind im Surren im
Rauschen in der Tiefe
dort unten unter
400 Meter unter Grund deine Belanglosigkeit ließ mich versinken und keiner wusste wohin an diesem verregneten Mittwoch Nachmittag so nass so durchnässt wie 400 Meter Ozean nur Flimmern und Gluggern und Surren
dort unten unter
400 Meter nur Rauschen und nicht mal ein Bild von dir

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Uwe Kolbes „Der Glückliche“ über „Le saga“ (Iam)

Der Glückliche

für Marcus Hammerschmitt


Vielleicht, doch ich kann es nicht so direkt aufschreiben,
vielleicht aber kann ich es anders auch sagen.
Vielleicht ist es eine Erinnerung, die jetzt als ein Aber
den Tag überschneidet, pflügt, vielleicht ist es doch
so, wie ich erhoffte einmal, vielleicht so, jedoch
noch sitze ich, schweige und freu mich vielleicht
und fürchte, daß es zu einfach wäre, vielleicht ein Aber
zu leicht ausgesprochen, das Hauptwort Hölderlins,
das mehr Heimat war als dieser Planet, vielleicht.

Vielleicht schliefen wir in einem Sumpf, und vielleicht
war alles noch ungetrennt, muttermundwarm,
hier nicht sehr wahrscheinlich, vielleicht auch ein Irrtum,
obwohl ich es sah. Trümmer der Kindheit, vielleicht,
und aufgetaucht wider Erwarten nur durch Berührung.
Mag sein, dieser traute Sumpf ist ein ganzes Leben,
doch glaub ich es nicht, vielleicht schon verdorbener,
flüchtiger Schläfer, der ich geworden bin, vielleicht
erlosch ein Lebenslicht, ein sogenanntes, dabei.

Vielleicht lehnte ich es schon immer ab, zu flüchten
in Technik und rannte vielleicht vor Begriffen davon,
auf Augen zu, Augen, die aus Romanen nicht blickten,
sich selbst nicht durchschauten, sonst wären sie nicht,
vielleicht wie die Spiegel, Durchgänge also, mag sein.
Doch weiß ich und lege es mir zurecht, nunmehr sicher,
dahinter sind wieder nur Spiegel, gütig erzeugte
Unendlichkeit. So ist, was ich seh, wenn ich schaue,
ganz sicher nur das, was ich wünsche, vielleicht.

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2001 Entstanden: 2000 Aus: Die Farben des Wassers. Gedichte Suhrkamp Verlag , Frankfurt am Main 2001 ISBN: 3-518-41262-0 Audioproduktion: 2001 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin
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Oswald Eggers „Herde der Rede I“ über „Seasons“ (Cunninlynguists ft. Masta Ace)

Herde der Rede I

Jede Nacht, wenn ich Einschlaf suche (und mein Herz
wacht), pocht ein Bild an mein Kauern, in dem Wand-
entlang erscheinte ein Geraum, und ich denke bei mir
Bewandtnisse aus, Zustände, worin ich, mit anderen
Worten, sein kann. Was soll ich tun? Ich bin gefangen
in der Vorstellung bloß, diese-die sacht-Sachen der
siebenden, Wörter in einem dieser Lufträume überrasch
vielleicht aufzuwarten, Umstände-halber und gemach
›Zirkumstanzen‹, nacktwändige, aber warm-umarmt

oder die wiegende Berührung einer Wange in der
Kuhle meiner Hand. Ich bin ich, und schlafe,
vielleicht nur halb. Spüre spannwand meine Haut,
zwischen den Buch-weiten Geschweigezweigen weich
und saum umrindet, aufs Wort, der Rede interieur,
»aufs Jahr«, auf einem warmen Stein im Waldschatten
vielleicht der bloßen Inzision; Teppichbaum von
Strauchbuchen und Eich-heilige Hecksteige, das
Waalwasser und die Rotbeeren Weißdorn-Schlieren,

Windbüsche und Schrillt-Grillen wie Goldgras nick-
licht mild, auf Wermut-Wegen am Salwannenhain
der langenden Weile. Sogar Früh-Äpfel, die auf die
Wiese fielen schon des fliegenden Sommers, mit den
Himmelfaden Web-Verstrebungen, das dürr-frische
Heurad der blassen Einwart von Traumgesichten, die
mich ins Leben ruften, Worte, die wissen, und die
meerhellen Lichtmilchblüten von leuchtender
Sprenke aufs Mal decolletierter Achseln, ~höhlen.
Ich umarme dich, trabant, kann die Zeichnung deiner
Brüste atmen, die wie Schwalben sind, wie Spatzen
Spechteln sind, und schnubbere entlang der Nehrungen,
von Meeren verzehrt, ans beißende Ohr Flora, äsend,
Namen, Zaudern-das, tobende, Überwiegen von
Gezeiten, Zeit werden, im Geraumen ungemach, Un-
rufe vom Gestade her der Rede, litoral
(und der Atem atmet: UND UND) _____ich ufere nicht, ich
überliefere (aber nur, um ungrund im Stillen zu versilben)

© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1999

Entstanden: 1997

Aus: Herde der Rede

Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999

ISBN: 3-518-12109-X

Audioproduktion: 2000 M. Mechner, literaturWERKstatt berlin

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Ulf Stolterfohts „[fliegenpilz]“ über „Black helicopters“ (Non Phixion)

fliegenpilz: kompakte magen-darm-kontrakte. bilder der gewalt. schon
bald anderthalb jahre im wald, doch als die erste warnung erging, traf
sie uns gänzlich unvorbereitet: morgens, neben dem bauwagen, fanden
wir eine lange eisenstange, drauf hatten sie frösche gespießt, vierzig
oder fünfzig stück, einige wanden sich noch, die ganze stange schien
sich zu winden. es sollten weitere warnungen folgen: trachtbache auf-

getan, schlimm füchselnder fuchs usw. – wir schluckten den pilz und
spritzten seelenruhig den schlachtraum aus. dachten: das können wir
auch. da spätestens übernahmen die bilder die macht. pilz-induzierte
schizophrenie. es lief ein tiefer riß durch den wald. hofbräu- und din-
kelacker-fraktion. fein säuberlich geschieden. raubbau hat dergestalt
abspalt im schlepptau. aphasien brocaschen typs. diesbezüglich min-

destens trüglich. doch schiedlich nach runge die runzen. wir sprangen
nackt in den unteren see und schnitten den schwan aus dem eis. alles,
was hing, hing kopfunter. und tropfte. schwärme von erdwespen folgten
uns nach. wir sammelten unseren urin und nutzten ihn erneut, in muska-
rinarmer zeit. warnungen und gesichte waren ununterscheidbar geworden.
wir hatten womöglich die seite gewechselt, gehörten zu denen und wuß-

ten es nicht. abends sang paul auf der tübinger straße: vom schalker
kreisel und von burschenherrlichkeit, vom jammertal welt. aber wehe,
man reichte ihm geld. das ließ man besser sein. fläschchen bier wurde
akzeptiert und gluckerte einfach so rein. von pauls ritueller stiefelver-
brennung war schon an anderer stelle die rede, von fichtes lorchelver-
giftung und vom schütteln der stiftung. seis drum. blättern wir um.

© Urs Engeler Editor

Aus: holzrauch über heslach

Urs Engeler Editor, Basel/Weil am Rhein 2007

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Jessica Care Moore’s „Walking up 158th street“ über „Ready or not“ (Fugees)

little brown lady with brown eyes
deep brown eyes and twelve hands
carrying her groceries/children/dreams
baggage/heart/memories/bullet wounds
stress/old teeth/future/pocketbook &temper
up the
stinkystairsofthesubwaystation

twin boys
mexican/latino/indian/african
any child in america
wearing yankees jackets
playing tag
double murder
child stealers
watch them running without worry
laughing with the sunset
how can they be so happy in this ghetto?
running past the preppy drug dealers
shifting their smooth feet to avoid the green glass
four legs find the door to an open apartment
this time they made it
unaware of how dangerous their footsteps
seem so close to home

fat girl
fat girl in a white v-neck t-shirt
bra too small
stuffed inside tight jeans
ponytail slicked back
40-year old lipstick and dream catcher eyes
they follow her the oldmen &the teenagers
they whistle and yell
they follow her
but she is lost on her own block

she wants to believe she is more beautiful
then her block
when she grows up she wants to be big
big as a house
with brick windows and paper doors
she wants to draw the door knob orange
and let anyone in
let anyone in
who’ll give her
a little
she wants to be big
let anyone in
who’ll give her a little
man said he was gonna make her big
man said he was gonna make her big
she wants to be big
big as house
she’ll let anyone in
yes, anyone in
who’ll give her a little

attention

white blond lady on heroin
is somebodys momma
giving black folks the
„what you doing uptown stare down“

white blond lady on heroin
broke her arm on new years eve
partying with her friends
prostituting on the local playground

her bones are sleeping inside the elevator
she has a key, but doesn’t live in my building
i sometimes live in my building
and i can never find my key

she smiles at my family
when she can find her teeth
she wants to get high
but keeps falling down
she wants to get high but keeps falling down
this is a game she plays with herself
every night

white blond lady on heroin
is somebodys momma

little brown lady with brown eyes
gave birth to twins
one is a little fat girl
who doesn’t know she’s already beautiful
so she dyes her hair blond
snorts,shoots and smokes herself skinny
she – any child in america
with twelve hands
praying for a bigger house
any house any body but her own body
is somebodys baby
carrying bags of groceries
waiting for someone to notice them

walking up 158th street

© Moore Black Press 2001

Aus: The Alphabet Verses The Ghetto

Moore Black Press, Atlanta 2001

ISBN: 0-9658308-0-2

Audioproduktion: 2001 M.Mechner, literaturWERKstatt berlin

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HALBWELTEN

Ober über unter – Gang
Stimmungen in falscher Richtung
die Erinnerung
die Züge ins einst
die Gedanken von einem damals
in falscher Richtung

ober über unter – Stellen
schleifen die altabgesessenen Phrasen
die abgewetzten Sitze
in den Zügen ins Einst
die Erinnerung
in falscher Richtung

ober über unter -Fangen
spielen mit den Erinnerungen
hinter her dem Einst
das Regelwerk revidiert
ohne Speedlimit der Zug
in falscher Richtung

ober über unter – Kante
zeigen die Schilder in falscher Richtung
auf den Schienen ins Einst
Kopfunter durch die Geschichte
Verspätung wieder rausholen die Erinnerung
in falscher Richtung

ober über unter – Hand
Schriften in Steno
die Telegramme aus dem Einst
Fahrplanänderung rückwärtsbuchstabiert
die Geschichten
in falscher Richtung

ist wie
ober über unter
_______________-Halb
von
ober über unter
_______________-Welten

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(für rike)

wenn sie den frühling freiräumen und es tröpfelt
sollte man immer fünfstöckig durch die tage gehen

im fuß einen splitter schaut man zu den vögeln
im spiegel winkt jemand zum abflug

just take over möchte man da sagen
die situationen klären das schon unter sich

im dritten stock spielt die musik und der fünfte
wird älter (im ersten wuchern die flaschen

nichts kommt jemals zu einem ende)
eine bar hat immer noch auf wo

jemand vom fortschritt spricht
während ein regal zusammenbricht

durchs bullauge sieht man die kleinen fische
und schau nur wie sie fliegen

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Hier

Hier

Was ein Baum sein kann:
Wiederholung an einer Straßenecke
Name nur an den Kanten wo
Seife über die Fahrbahn läuft
Hier bleibt mir brotlos
In dunklerem Holz in anderen Stimmen
Fällt Rauch über vieles
Und natürlich könnte man trinken
Auch hier hängt weit hinten
In allem der Geschmack pulvriger Weidenrinde

Übersetz mich ich werde nicht bleiben sonst

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar