(fragment II)

irgendwann also hinterm letzten kreuz an der dreistelligen straße, hinter warmen gewittern von flügeln und milliarden wasserläufern zwischen dosen und verrotteten tüten im vorplatz des gutshofs beim penny, hinterm friedhof, topographisch und in der luft unterm moor, saßt du und darüber waren schwalben aufgezogen, um in einer losen minute die drähte der jahreszeit überm wunden kopfsteinpflaster abzuwerfen.

 

immer bevor die lastwagen kamen, zirkelten sie einen himmel ab, der gegen den tag stand, den unbehelligten tag, der andauerte, mit seinen mechanismen und den isolatoren gegen den lauf der sonne, ganz stumm, wie die tabellen, anhand derer mitten auf der straße fünfundvierzig stumme leute aus einem treck gezogen worden waren, delegiert zur neuen grenze des urbaren, an den abgeschlagenen rand der tafeln mit den forderungen für die neue erde. um die gewehre reinzuhalten ins abendlied der vögel, und die bauchigen gascontainer hinterm haus zu pflegen, morgens übern hof zu gehen, um den nachwachsenden hungrigen hühnern den kopf umzudrehen. stumm wie die tabellen, die die gasrechnung machten, die normalverteilung der dramen von geteilten beeten für sommerspross und sicherheit und sauberen kindern, die später auf einem parkplatz mit einem schlag den kleinen feigling anlegten, und dem teufel des betriebs zum trotz in die grüne wiese kotzten.

 

also immer bevor die lastwagen kamen stellten die schwalben den himmel her als eine zitternde oberfläche, in die im feld der leere rumpf des lpg-geländes seine unermessliche rune trieb. und weiter vorne spieltest du basketball, das heißt, du saßt im gras und schautest in den himmel, du schautest in den holunder und sahst die flecken aufblitzen, wo eine bewegung stattgefunden hätte, eine bewegung im busch vor der zerschlagenen scheibe vielleicht, die den umkreis überschritten hätte, ein gefiedertes biest mit drei köpfen, zwischen den schwalben, den spatzen, den staren, die zirkulation durchbrochen hätte, zwischen dem wurf, dem aufprall auf dem zitternden kreis aus blech am haus, der aufprall auf dem kopfsteinpflaster vor den füßen deines bruders und zurück.

 

in dieser nur zögerlich besiedelten wucherung zur widerlegung der zeit gingen katzen ein und aus. sie verschmierten sich das maul mit dem brei aus vergorenem hühnerfleisch und ausgelaufenen videobändern der wrestling championships, den pfützen die sich unter den haustüren sammelten im geschrei und der sonne, die katzen im stall, in dem käfer lagen und putz, und im regen alleine beim windrad im garten in einem aufwurf, über dem die pforte hing und tropfte. sie zogen sich in ihre augen zurück, wenn sie eine fliegende plastiksandale traf, und versteckten sich zum sterben im dichten flieder.

 

dahinter lagen unterm dach vom ausgefransten konsum in der fledermausscheiße die henkel von tassen und kippen und stapelweise vergilbtes papier, der traum jeder frau, einmal einen süssen typen an ort und stelle vernaschen und heiße stunden mit ute (22), frauen die sich gerne und oft selbst befriedigen leben länger. erst nach jahren, die du ihre knochen gesammelt hattest, fandest du einmal abends dort das ganze skelett einer katze, eingerollt und fest, wo immer man es hielt und du streicheltest die bröckelnde haut und fuhrst über die weiße, unbeschreiblich enge reihe von zähnen, gingst nachhause und legtest das bündel ganz oben auf die balken fürs feuer im haus, auf die spitzen späne, die sich an kühleren abenden in drehrichtung der nacht spreizten.

 

drinnen drücktest du dich an die badezimmertür und schwangst dich hin und her, dass dein penis links und rechts an deine beine klatschte, und etwas hart wurde, und schautest dich dann im spiegel an. und wenn du draussen warst in der nacht, weil dein vater mit zwei gebogenen scheinwerfern kam, und dem geruch des rauchs dritter stockwerke im hemd, dann keuchte der igel die sterne an und frass die würmer aus dem fauligen obst. alle tropfen warfen libellen aus, im kompost weit hinten saß etwas und trank von der brennnesseljauche. du gingst voller angst ins bett, vor der grenzenlosen anwesenheit der sachen, von denen niemand, der sie jemals sah, erzählt hatte. wenn deine eltern schon unters dach gestiegen waren und über deinem bruder die dicke geräuschlosigkeit zirkulierte, wenn du die augen immer schneller auf und zu klapptest, und, als du keinen unterschied bemerktest, mit den händen über deinen körper kreise drehtest, bewegungen wie ein tänzer, bis dir schwindelig war und du traurig wurdest, dann gingen die druden durch die wände und sagten: da ist jemand. und du hieltst den atem an.

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

pandora

Lass lose enden lasso sein
ich habe meinen hut verloren
über das schüchterne grün der straßenzüge
filterlos geatmete reste einer
gestiefelten patroullie allein
um meine blicke zu streuen
müsst ich ein harlunke sein
sonnenbebrillte einsamkeit
im zuge wehender manteltaschen
das gesamtgeflecht der möglichkeiten
und irgendwer
das wuchern loser schritte
ist eine weltfremdheit an sich

wenn alles nur ort wäre
nur ort und nicht hier
der weg ginge nach pandora
das leben eine blechbüchse
wer will da schon weiter wissen
meine träume kosten mich 72 euro im monat und lebensumstände
meine weitsicht habe ich schon lange versteigert
im knopfloch noch die etikette
eines ladendiebs am sonntag
all die gelegenheiten und das endprodukt
wenn schuhe versanden
ich habe meinen hut verloren

jeden morgen muss ich socken wechseln
und mich verhalten
mein denkvermögen hat 25 buchstaben plus x
und liebe ist auch nur ein verb
liebe lieber am liebsten
glückskeksparolen im taschentuchformat
gegen 12:30 frug mich die welt
ob ich sie verstehen wollte
zwischen den losegetretenen baumreihen
ignorierte ich die anliegen

Veröffentlicht unter Maria Natt, TEXTE | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

liedermacher vs. innensenator

blinkt das ding? die lampe leuchtet und der spott läuft
anderswo indessen dort im studio das waschechte haargelfeste
schaurig schnöde mitternachtsprogramm und seinem echt und jetzt
gesprochenen insofern als gezwitscherkram dahergekommenen als dass
selten weder kläger noch beklagter so gegenstandslos und jeder antwort bar
dastanden im übertragenen versiegt kritik – hier gehts um politik

hier seh ich unter anderen ein antlitz das kein geistesblitz bekannter
hätte zeichnen können erst die augen dann die brauen und fürwahr
der mund er spricht in dieser sehr charakterlichen art des
knautschens sich noch unterhalb der unteren mundwinkel
befindlicher abschnitte der schnauze will sagen: der
wangen von seinem heimatort spricht er unbefangen

befängt mich so das denn geht mit strengstem widerhaken
kehrt das andenken an ein bisher beständig fortgesponnenes doch
mit viel ruhe auch gesonnenem leben wieder zu einstweiligem streben zwischen
leuchten und blinkern hätte dieses ebenfalls seine politische karriere als rezitist von
liedern mit zwinkern oder was zum affen das ist das dort betrieben wird fortschaffen
können – dem verschieben der mundwinkel sei hier nachsicht zu gönnen

ansicht finden baldigst das antlitz und auch das leben gegenseitig
konfrontiert bereiten beide meinem kopf ein stück zu viert in dem das
leben aussieht wie das antlitz dessen eigenes leben aber völlig verschieden
verlief (einzige gereimtheit sei das unstethafte) und das antlitz wie
ihr seht sieht so aus wie das leben nur dass dieses eben viel zu
kurz verlief um jemals dergestalt ein antlitz abzugeben

diegestalt soll darum sein was sein vermag zu tragen die
bewahrerin des anscheins eines viel bejahten konsens zwischen
uns und auch dem hinterletzten mondmensch dass subjekt und sein
produkt sich nicht gemeinsam einer wiege unbedingt entliegen müssen zu
begrüßen sei trotzdem der wink der vorher angeführten in zeichen des autors die
lebensweichen längerfristig anzugehen – seien hierbei auch nur allererste schritte abzusehen

Veröffentlicht unter Alexander Makowka, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

NEWS: G13 hat die Lösung

oben ein auszug der letzten G13-séance. die verbliebenen ordensmitglieder fanden die antwort: wie schreibt man ein gedicht?

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Neues vom Schmatzer

Auf der linken Seite
des globalen Ganzen
baut ein Schmatzender
die Weltnacht für alle
rotzt für das Unmögliche
Annekdoten über Kloschüsseln
in Youtubekanäle
seine gute Nachtgeschichte
von den entwurzelten Radikalen
im freien Krawall.
Und so geht sie aus:
Der Feierabend spült Leere
die symbolische Wurst verrückt
das System wandelt sich unbemerkt
zur Abwurst mitten auf dem Herd
Abgrund schmeckt unbeschreiblich tief
Neues vom Schmatzer postfundamental, real
politisch wie Bratmaxe von übermorgen
nur tückischer, im Nachgeschmack etwas übernächtigt.

Für Slavoj Žižek
und die Tücke des Subjekts

Veröffentlicht unter Paula Glamann, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

Tacheles, 04.04.2011

sie haben dir fratzen
auf den leib geschrieben
verliebtes flittchen wohin
gingen deine steinbrocken

dein fleisch was hat es
bedeutet muse museum
für einen der war jünger
aber ebenso verliebt

& die bagger beginnen
den müll von 100 jahren
wegzuschieben eine rinne
für das sonstwasgefälle

wir werden nicht mehr von
dieser stadt schreiben wir
geben ihr keine namen
kein ja, nein, vielleicht

du hingst über dem bett
deiner kindheiten und
strecktest deine faust
aus für die billige liebe

& die bagger beginnen
dich langsam auszutreiben
deine alten lachfalten
erwarten weiter die nacht

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

NEWS: Max beim Poetenladen

Der poetenladen hat Max Czollek ein profil gewährt!
Das ist wundervoll. Das ist sogar schön.
Gute nachrichten auch für alle klickjunkies:
Der G13Blog ist mit dem laden verlinkt.
Mission erfüllt! Wie geht es weiter?

Die hautpseite des poetenladens lohnt
mit G13/czollek/Klickediklack-neuigkeiten
für alle späteren besuche ein direkter Link
zu einem fürstlichen Portrait mit Poesie
http://www.poetenladen.de/max-czollek.htm

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(ohne titel)

ein schritt richtung stadt
in den letzten worten
wie sahnesteif, speiseeis
und sommersonntage
von der gleichen art

in den fenstern die freunde
jetzt mit langem haar
im gepäck gesichter
den blick auf ziellose fersen
im asphalt der tage

sich mimik einzuverleiben –
unser aller sandiges lachen
von sprüngen
weit über die gischt
die laufend wieder kommt

links ständig der strand
und die gleichen promenaden
schirmgeschattet passanten
auf den wegen die vögel
kleben an blinden wänden

gestern
gab es sekt zum frühstück
wo sollte das auch hinführen?

Veröffentlicht unter Nele Wolter, TEXTE | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

blücherpark

die sommerlöcher in der wiese
hatten ihre maximale ausdehnung erreicht
auf dem weg zum see nieste jemand
sich sonne aus der nase die üblichen
entensammlungen trieben achtlos
dem nachmittag entgegen

eine schläfrige jahreszeit legte sich
wie frischhaltefolie über alle
ufererinnerungen abends musikreste
und aufgefädelte glühwürmchen
die glitzernde ahnung eines später
nachts neben den spielplatzruinen

zuletzt schlichen steinlöwen durchs
dickicht jenseits der wege, wartend
auf späte jogger

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

黑色地圖 / schwarze karte

Für eine Hausarbeit habe ich mal wieder Lyrik aus dem Chinesischen übersetzt – diesmal vom ewigen Beinah-Nobelpreis-Gewinner Bei Dao, dessen Gedichte unter anderem ’89 auf dem Tian’anmen-Platz als Parolen gerufen wurden (ziemlich spannender Typ also). Wen es interessiert, der kann sich das Original hier anhören und da auch meine Übersetzung mit der Offiziellen vergleichen.

—–

schwarze karte
schließlich setzen dohlen
die nacht zusammen: eine schwarze karte
ich bin zurück – heimreisen
sind immer länger als irrwege
länger als ein leben

mit dem wintersinn kommen
quellwasser und honigpräparate
werden zum diskurs der nacht
erinnerungen auf schwarzmärkten
hin und wieder ein regenbogen

das leben meines vaters – ein samenkorn
ich bin sein nachhall
wie verabredet biege ich um straßenecken,
liebender früherer tage, versteckt in der windmitte
tanze ich mit briefen

beijing, lass mich
anstoßen mit all deinen lichtern
lass mein weißes haar den weg zeigen
auf der schwarzen karte
wie ein sturm dir das fliegen zeigt

ich stelle mich an stelle mich an bis der schalter
schließt: vollmond
ich bin zurück – ein wiedersehen
ist immer weniger als ein abschied
weniger als einmal

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare