ohne titel (wo bin ich)

Nichts weiß ich, wenn ich an das Ganze denke
Oder es ist das Ganze, das mich vergisst. (Fernando Pessoa)

wo bin ich
in der gestimmtheit von sitzen
draußen im stillen in zwischen wo
ich schlafe während am ende der welt
wale sich bäumen
und weiter vorne
durch einen jungen die straße
seh ich vielleicht
nicht zum ersten mal in
salzigen wettern wie diesen
träumte ich mich als
gemörtelte blumen von irgendwoher
war links und rechts walwasser
gefüllt in kleinere becken ein meer
im rinnstein der beweis
einer örtlichkeit reicht nur so weit
und fernando treibt zungen die
landzungen raus in die wüste
see als arabisches deutsch in den regen
im bus vielleicht oder
vor nicht offenen augen
an orten wo ich nicht bin

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

Wadi Rum

die finger von den sätzen
hier wirbelt staub allein
auf trampelpfaden ziehen
karawanen schleifen
in trockenen flussbetten
fragt einer nach dem ziel
warum es schien wie
gestern hier und heute
kapitelweise gefasst

man rannte selten weiter als
durch altersumringte wüsten
die grünten nach dem regen

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

Petra

eine landschaft wie diese
ist ganz ohne sprache
in den schatten einer
kreischenden sonne
zu gefühlen vermacht

der windhauch ‚al kutbay‘
gott des schreibens legt
sich lose zur ruhe in
hallenden formationen
wartet er auf und ab

im innern ist gegend
echo wie das außen
traum der einen
heimlich verstrickt
mit rotem gestein

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

abgesang auf den abgesang

Nachdem ich den Text gestern noch als work-in-progress vorgestellt habe, habe ich ihn heute verworfen. Er hat zwar viele spannende Stellen, die sich später vielleicht mal anders verwerten lassen, verfehlt aber, glaube ich, zu sehr, was mir wichtig wäre: das Wörtlichnehmen der Sprache aus einer konstruktivistischen Perspektive als notwendiges Spiel zu begreifen (Welt als Setzung, nicht Gegebenheit) – was ja durchaus komische Momente haben kann, aber vielleicht nicht so sehr als ironisch-intellektualistische Spielerei eines Dichters erscheinen sollte, der damit z.B. gegen seine Langeweile ankämpft oder sonst was. Hier hochgeladen habe ich’s trotzdem, weil der Blog ja nicht nur Repräsentationsplattform sein soll, sondern auch die Diskussion zu denen tragen, die beim Treffen nicht dabei sein konnten. Also:

abgesang vor dem sinkflug

für linus, helene u.v.a.

um uns der flugkörper. innen, im bauche des raumes, wir,
zweckgemeinschaft der geraumen zeit und zeugen der endlich-
keit: endlich hier. inzwischen, in erreichter flughöhe, zwitschern.
große vögel bestimmen mit würfeln den pasch unsrer flugkurve.
wir glauben dem zufall. aber: kann es das unerhört unzuständige
eines solchen zustands geben? können wir von glück reden, dass
unsere reden glücken können? wir stehen da, an der rehling
des moments und schwelen: ihr, vögel, vom frühling beflügelt und

enter, enter. es kommt zum abgesang vor dem sinkflug. in solchen
höhen ist vieles außer stimmung gesetzt außer kraft und durch und
durch akt: ziemlich unziemlich. dicke luft z.b., die eng wird, und die
rauschende stimme aus dem cockpit verlautbart, dass doch noch
alles stimme. aber: wie stünde es etwa um den verstand, verließe eine
schwalbe den raum zugunsten eines anderen? kann man dann den augen
glauben, was sich gehört? dort lauern doch insofern wolken, und wir fallen
ins unbestimmte: wo wort ort birgt, überhaupt über dem kopf liegt, und

ortsunkundige sind wir, taube, die hier nichts zu suchen haben und gleich
wieder gehen können, den mund halten
, unser flug-zeug packen, buchen
und ahorn, birken wie buchungen wirken, die je als ausdruck lauter
blätter bergen mit sicherheit, vorkehrungen treffen, die zur sauberkeit
dienen wie fasten your seatbelt zur fastenzeit und der hat gesessen gelegen
kommen kann. ja, wenn doch alles nur so einfach wäre, wie darauf
zu brennen, ein feuer zu entfachen in allen endlichen fachsprachen
ein burn-out-syndrom und außerdem? nichts, danke, das war’s schon.

Veröffentlicht unter TEXTE, Tristan Marquardt | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

shanghai II

beim verlassen des gesprächs nach zwei
eine müde blaupause, zu spät für die suche
nach einem taxi oder einem gefühl
das noch nicht durch die offene hintertür
unseres spielraums gegangen war

den dachte ich mir in dieser nacht
wie das passe-partout der letzten zeit
in der mich eine unwahrscheinlichkeit
in dieser stadt zunehmend interessiert hatte

zwischen ihren zensierten tageszeitungen
nutzte sich das warten auf dein benachbartsein
in den dingen nur langsam ab

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

annehmbare tiere

als ich nicht mehr hören konnte
was mir alles bedeuten wollte
was ich an den wänden fand der kleidung und
wo ich hinging um die namen von hauptstädten
zu singen von linierten karten
da saß ich bei dir in der küche
und wir saugten an strohhalmen aus metall
die einrichtung hatte mehr ohren als wir
im radio liefen anderweitig spaliere auf und
ab wir registrierten das und lausten uns nur
wenn es ganz dunkel war

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

aus der Vierzeilerwerkstatt

…so, der Theatertext ist so gut wie fertig, heißt jetzt „Diskrete Eskapaden. Lou Andreas-Salomé und Rainer Maria Rilke in Russland“. Hier noch ein paar lose ausgewählte Vierzeiler:

das rapsfeld
berappelt sich
wie schwarze pferde
zappeln

der igel
begräbt sich
für sein leben
gern

der moorboden
wackelt
wie ein dackel
mit dem schwanz

zwei ratten
paarten sich
und warfen
einen schatten

es ist
der tag
ins horn
zu blasen

in lieber Helbling, nachdem ich noch einmal zwei intime Tage mit dem Text verbracht habe, steht mir klar vor Augen, dass die tatsächlich wirksamste Annäherung an ihn von innen her geschehen muss. Äußere Umstände werden ihn kaum mehr zu erklingen bringen als er sich selbst – in klarer, rhythmisierter Performanz. Ich glaube, wir sollten deshalb unbedingt an der Idee des Repetitiven festhalten: Gerade die Vierzeiler eignen sich, wie mir immer mehr auffällt, sehr für mehrfachen, rhythmischen, teilweise auch gesungenen Vortrag (man könnte ja bspw. das zu Beginn spielende Instrument dafür immer wieder einsetzen). Das ist vor allem auch deshalb wichtig, weil man ja nie vergessen darf, dass wir mit dem Text zwar jetzt vertraut sind, es für das Publikum aber die erste Begegnung sein wird. Ich habe meiner Schwester, die wenig bis gar nichts mit Literatur zu tun hat, ein wenig vorgetragen und sie fand das Spiel grandios, aber erst, als sie die Zeit bekommen hatte, sich über die Prinzipien des Spiels Klarheit zu verschaffen. Eine Requisitenflut scheint mir daher momentan eher ablenkend zu sein – aber das wird sich ja dann bei euch ergeben. Anbei die aktuelle Version mit ca. einer Seite neuem Text, aber nach wie vor zu füllenden Lücken. Ich drücke und küsse dich innig, Tristan

Veröffentlicht unter TEXTE, Tristan Marquardt | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

die angst vor freien plätzen

wir erklärten uns die angst vor freien plätzen- weisse
stellen auf alltagsrastern der error im detail im ganzen nachgedunkelt
wenn du mir fragile bezugssysteme in den nacken schreibst die scheibe
voll getrockneter flecken vom regen und anderem hier
halten sich wolken auf und bilden wilde muster mit dem oben
linearer nachmittage: erprobte anlässe an ungeeigneten monatsenden
im gewohnheitsrelief verzweigt im limit zum aussen hin
die größer werdenden abstände zu den grünflächen
die fehlenden seiten der rahmen und räume und
stühle an die tür gestellt die hypotheken
im tag unser algorithmus
gegen null nur weite im anschlag
das gegenwärtige in rubriken im gegenlicht
zwanzig finger die sand nicht besser fassen als zehn

Veröffentlicht unter Rebecca C., TEXTE | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

Don Juan nur nachts

Ich habe mich in einer Art Antwort auf ein Gedicht von Sarah Kirsch versucht. Es ist noch nicht fertig, daher sind Kommentare, Kritik und Bearbeitungshilfen erwünscht.

Im Folgenden steht zunächst Sarah Kirschs Gedicht und dann meins.

Don Juan kommt am Vormittag

Don Juan kommt am Vormittag
So schrieb er im Telegramm was
Mich nachdenken ließ ich hatte den Mond
Eingeplant und Fontänen nun blieb
Nicht viel Zeit nicht mal die Augen
Größer malen die Füße nicht waschen
Ich stand wo sie anfängt die Stadt sah ihn
Im wehenden Mantel auf einem Rennrad
Den weißen Schal von der Schulter flattern
Herannahn die Lippen zersprungen und tief
Lagen die Augen ich fragte ihn
Weshalb er so früh sei sicher später
Ein Rendezvous mit einer Schönheit
Achwasdummheit er stellte das Rad
Schräg in die Luft er nahm den Hut ab
Legte uns beide ins Gras das rings
Üppig zu werden begann zog Vögel
Aus Metall auf die fingen zu singen
An daß es schallte Variationen
Über ein Thema von Mozart ich kenn das
Sagte er und alle Platten-
Spielersysteme Schönberg und

Ich werde dich jetzt das wird aber gut sein.

Sarah Kirsch


Don Juan nur nachts


Don Juan lässt kommen
Nachts und ihm bleibt keine Zeit
Für Gedanken oder Telegramme
Den Mond plant er ein und auch so
Ungemalt und gewaschen nimmt kein
Don Juan die bloße nackte Frau
Sondern nur wer sich sonst in
Seinem Mantel verbirgt sein Nahen
Auf dem Rennrad am Rande
Der Stadt sein weißer Schal
Sprechen da eine andere Sprache
Du schaust und seine Augen sind tief
Und die Lippen zersprungen nein
Juan fragt schon lange nicht mehr
Nach Variationen die aufgezogenen
Vögel nur als letzter Versuch um das
Thema nicht zu hören sein schräges Rad
Sein bloßer Kopf im Niederlegen
Und bitte nicht zu fest
Flüstert er dir hör genau hin
Keine Schönheit so ungeschminkt
Hinterlässt ihn so schräg in der Luft wie du
Er wird dich dennoch das wird aber gut sein.

Veröffentlicht unter Nele Wolter, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

under construction

21072010 1320 Treppenabsatz

Das ist wie Leerlauf alles
Schall und Rauch alles
verbannen was nicht
Schweiss ist was nicht
sengt und klebrige Filme traegt
getragen wird von endlosen Spulen
vor und zurueck zuckt
kein Rewind
kein stop and go
kein copy and paste
das bisschen Ratlosigkeit kratzt
auch nicht auf der Platte nur ein
Katzensprung zum Replay
so als wenn es Schalter gaebe
so dann und wann zum
einfach ausknipsen
vor lauter Eile
und bluehende Landschaften
hoeren sich so versprochen an
was bleibt ist traeger Teer
ist wie Asphalt ist auch wie Venyl
dampft mit Schall und Rauch
ist wie Schweiss
bleibt kleben

Veröffentlicht unter Maria Natt, TEXTE | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar