geifer.blickte.gleiß.

in der regel kann man nachstellen,
was verkehr in der abendsonne tut,
lavierend, arg. ein betender greift auf
knien nach den werbeflächen am

supermarkt. gemüse rollt über den
spielplatz und wird zertreten, obwohl
der rote ball abseits liegt. will ich wirklich
kummer schenken, wo ein radio läuft?

mit behutsamkeit platzt der tropfen
auf den wächsernen fasern, die gar
nicht wie solche aussehen, begnügt
sich damit. ich schwimme auffällig.

Veröffentlicht unter Ilja Winther | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

Poetologieversuch (2009)

Lyrik als Nassmacherin

Lyrik ist ein Sprachraum und Sprache gliedert unsere Weltwahrnehmung. Wir gebrauchen sie oft auf zwei Arten unachtsam. Einerseits, als gäbe es auch viele andere mögliche Varianten, einen Zustand auszudrücken – als hätten wir die Wort-wahl, seien freie Wählende.
Andererseits erscheint es uns erst mal lange ziemlich natürlich und normal, wie wir die Welt zum Beispiel auf deutsch denken und für wahr halten. Auch wenn wir eine andere Sprache lernen, dann merken wir uns erst Übersetzungslisten, Vokabeln: „Eimer“ heißt „bucket“ und „Ei“ ist „egg“ auf Englisch. Erst mit dem Weiterlernen, dem Sprach-Erfahren merken wir vielleicht, dass wir in einem Sprachraum leben und somit auch reisen können – Übersetzen mit einem Boot in ein anderes Land, einen anderen Raum. Gleichzeitig können wir so aber auch bemerken, dass auch unser Raum riesig und vielfältig ist und wir ihn uns nie genauer angeschaut haben. Dieses Erleben – nach dem mensch begonnen hat zu er-fahren, zu reisen, überzusetzen – ist ein sprach- und damit wirklichkeitskritisches, aber es ist ein Leben, ein Sammeln, ein Zusammensetzen.
Lyrik ist eines dieser Gefäße zum Aufnehmen, Auffangen. Sie ist Wahrnehmungsmittel, das in einigen Zeilen eine Weltvariante zeigt, aber die Aufmerksamkeit gerade auch auf den Sprachraum lenkt. Zeilenbrüche hebeln Normalität aus, geben der Leserin und Schreiberin ein Ruder, um das Boot zu benutzen, das sich oft wie Festland anfühlt.
Wir leben in einem Strom – versuchen aber oft, mit einer Land-karte, eigene Wege einzuschlagen oder zu planen.
Lyrik macht nass, sie bringt uns dazu, zu fühlen, dass wir schwimmen (oder Boot fahren). Sie macht bewusst, dass Wissen flüssig ist und Begreifen ein ewiges Versuchen, dem Wasser eine Form zu geben.
Das alles geschieht in wenigen Zeilen, sehr dicht und ziemlich kurz. Das muss es auch, da das Lesen eine andere Art von Aufmerksamkeit verlangt als bei Romanen oder Zeitungsartikeln. Lyrik ist ein dichtes Angebot – der Lesende kann eine verdichtete noch fremde Geschichte oder Weltvariante erkunden und dadurch das eigene (Er-)Leben verdichten. Beim Aufnehmen des Gedichts sind und bleiben wir aktive Weltsichtende.
Paul Celan beschreibt das in seiner Büchner-Preis-Rede von 1960, „Der Meridian“, als eine Gesprächssituation, die das Gedicht eröffnet, das also „ein Gegenüber [braucht]“1. Er spricht von einer „Aufmerksamkeit, die das Gedicht allem ihm Begegnenden zu widmen versucht, sein schärfster Sinn für das Detail, für Umriss, für Struktur, für Farbe, auch für die ‚Zuckungen’ und die ‚Andeutungen’“ – und das durch „Konzentration“, wie er es nennt, oder eben Dichtung. Lyrik widmet und richtet Aufmerksamkeit, sie ist konzentriert, aber auch ver-rückt, indem sie denkbar werden lässt, was in einem normalen Alltag, wenn alles „gut“ läuft und nach Plan, nicht wahrnehmbar ist – indem sie nass macht.
Theodor W. Adorno behauptet 1951 in seiner „Rede über Lyrik und Gesellschaft“ , ein Gedicht werde „erst dann künstlerisch“, wenn es „nicht bloß der Ausdruck individueller Regungen und Erfahrungen“ sei, sondern „Anteil am Allgemeinen gewinn[e]“2.
Lyrik ist aber nie rein individuell. Das macht sie spannend, sie ist immer Angebot, bedient sich Symbolen, einer (mindestens minimal-)konventionellen Sprache, die sie dadurch deutbar macht und zur Auslegungssache werden lässt.
Die Frage nach dem, was Kunst ist, lässt sich nicht so leicht beantworten – und darauf kann an dieser Stelle auch gar nicht nach einer Lösung gesucht werden. Nur so viel: Drückt ein Gedicht der Lesenden das Gefühl auf, richtig verstanden werden zu können, es versagt sich ihm aber der Zugang – so wird sie es wahrscheinlich abtun. Ob dann als unverständliche Kunst oder als Schwachsinn, hängt von vielen Faktoren ab. Kunst im Sinne von künstlich ist ein Gedicht aber immer. Darin liegt auch ein wichtiger Aspekt von Lyrik: sie kann alles als geschaffen entlarven. Indem sie die Welt auf eine Bühne setzt, zeigt sie, dass diese auch anders inszeniert werden kann. (Jedenfalls bietet sich im Gedicht die Möglichkeit dazu, wobei das natürlich keinesfalls in allen Gedichten der Fall ist – wo wir wieder bei der Frage nach der Kunst wären.)
Damit wird Alltag zum Thema, er wird Gegenstand der Aufmerksamkeit und als solcher hinterfragt. Lyrik ist „Bewusstbarmachung“, sie ist etwas Surreales und es würde auch ohne sie gehen, vor allem auf festem Grund.

Mahlzeitfresser

mein Bruder wird Sterne
koch beißt sich die Zähne
zum Hals raus nachts
kaum Zeit
zum Träumen 16 Stunden
Lehre am Tag
schmecken Sterne nicht.
.

ICH FÜR MEINEN TEIL –
(v)ergriffen –
schweige gänzlich
teilst du meine Ansicht
durch 2
verstopfte Filter
schwimmen auf dem Sieb
in Buchstaben
Kombinationen
ausgerechnet
wir!

.

willkommen

will-ja-kommen
war weit und bin
jetzt
hier

beschriebenes Blatt im Wind
bin ich und
kann kaum lesen
keiner kann.

will-ja-kommen.
und soll gehen?
wieder
kommen
können?

Veröffentlicht unter Helene Könau | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

[bedürfnisse wie schalentiere]

bedürfnisse wie schalentiere, eingefaltet,
verwachsen, ein stück von dir überwintert
im schuhschrank. kommt nur raus, wenn
du haut zeigst. dinge anziehst, die du
auch magst. ganz ohne fazit. dass der tag
nicht mehr blökt. denn was hast du getan.
für die richtung, die aufgeht. nichts weiter
verwischt. falsches pferd, selbe strecke.
hättest wohl besser den eigenen nacken.
den vollen besatz. statt im hausflur zu stehen,
mit den hufen zu scharren, den sneakers
daneben kompromisslos die tür.

Veröffentlicht unter Friederike Scheffler | Verschlagwortet mit | 7 Kommentare

whitney houston

dann begeht die melodie
unter bergen aus decke
eine bilderlose kammer

schreiben deine freunde
von felsen denen nachts
beine wachsen in island

schippt ein wind schnee
dessen leuchten birgt
eine undimmbare größe

inmitten der 49 hölzer
flößt geröll deine bänder
in das pazifische delta

Veröffentlicht unter Max Czollek | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

im mai

ein kreideumriss, kieselsteine. guck, so lag ich.
gleich beim wasser. glieder, licht. man siehts
auf den fotos. wo die hunde. was willst du von mir,
ohne richtung. so fällt schnee ins tal. trugschlüsse
von weiter oben. angehalten. vor der aussicht,
nichts zu sagen. als wir den pass weiter,
den bergsee fanden. schwimmzüge, tief aus der brust.
ich am ufer. gesichter, stoppeln. männer in hemden.
drei oder vier. ja, eine erwischts. die andere im schilf.
wartet, winselt. hört alles mit. jetzt, im winter bleibt
sie im auto. beschleunigt, und umfährt den pass.
spürt ein stechen im rücken, wenn man sie fragt.

Veröffentlicht unter Friederike Scheffler | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

diesen abstand

(ii)

diesen abstand zu mir selbst selbst
nutzen die da draußen machen
dass der spiegel lügt oder beinah
wir zeitvergehen vergessen
kalte füße halten wovon zu versprechen
wir noch
lange nicht in der lage waren

Veröffentlicht unter Helene Könau, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

statt den augen hast du den mund geöffnet
ganzes gesicht du ziehst den faden aus meiner handlung
sehe den laufmaschen nach und mehr und mehr
haut die fehlende eisdecke ja offen sagst du

auf: herz raus, nieren (und jetzt viel wasser)
lern schwimmen darmflora in völligem
ungleichgewicht wühlst du da hast
handschuhe an damit sich nichts entzündet

wenn wir das nicht enden lassen wollen dann
braucht diese geschichte eben aber doch – sagen wir
hände sagen wir füße und lassen sie laufen
in richtung morgen erstmal

Veröffentlicht unter Helene Könau, TEXTE | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare

skinny dipping for dummies

mädchen, jetzt die knie nach oben, erinner dich
an norwegen, wie die kälte sich formt. die zehen
einziehen in schichtarbeit und schlafpartien.
wollsocken. dann die meldung: auf den schiffen,
den großen, gibts nur noch maschinen. you need
this basic-safety-thing. kein briefpapier, planke
zum wandern am hafen, meinst du, schaffst du das.
man sieht die see nicht in turnschuhen, chérie.
an land, mit milchbart, spröden lippen. lotsen,
der dich nackig sieht, egal wie viele jacken.
humbug, sagst du. alter feigling. willst bloß mit.

Veröffentlicht unter Friederike Scheffler, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

Max Czollek auf Fixpoetry

Max FiX
Max Czollek hat ein neues Profil auf Fixpoetry. Mit Foto. Yeah!
Eine erste Impression von „Druckkammern“ ist auch dabei.
Dazu empfiehlt sich ein Klick auf das Autorenbuch:
7 Texte und ein Coverdesign: HIER

Veröffentlicht unter PUBLIKATIONEN, TEXTE | Verschlagwortet mit | 4 Kommentare

transpontat

nachdem ich dich getroffen hatte wurde ich zuallererst
mir selber schaupatient phantastisch angedickter fall
von störungen des ventilierens kam ein hochgefühl
noch lange vor dem abheben der eingefleischte fall

bei einer mich dir nähernden gelegenheit empfand
ich folglich weniger als gästemaß für jeden
der nicht du sein wollte stets von dir hingegen
kam mit amnesiegewalt die äußerung du tanzt

am nächsten abend auf dem liederteppich des konzerts
dich wissend suchte ich zu hause rückstände hinein
zu fädeln aus erinnerungen in den angelehnten patch
sporadisch stimmten töne zweier maschen überein

Veröffentlicht unter Alexander Makowka, TEXTE | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare