butterkuchenhaus

in meiner küche kann man kaffee nur im stehen trinken
jetzt lagerst du literweise auf meiner couch und hast
längst keinen zucker mehr unter der kruste
zwischen uns

zwei drei butterkuchenhäuser
das ist normal im winter“ sagst du
das geräusch schlagender tropfen
am fenster magst du nicht und –
___ich klettere aufs dach derweil
denn unter den ziegeln
bilden sich risse

auf die schrägen male ich
kinderspiele mit kreide
(dazu ein paar mit meinen gedanken)
und zwei drei butterkuchenhäuser
winter ist schon lange nicht mehr
dabei ist jetzt erst november
das ist zu früh für kekse zu spät für kaffee
und außerdem:

macht man die häuser aus lebkuchen

Veröffentlicht unter Nele Wolter, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

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Jetzt bitte flagge zeigen und
maul halten
arterienverengung bis zum herzstillstand
nicht mal ausgeblutet
nur bewusstseinsanämie bis zur
generation psychoanalyse
patient vorübergehend geschlossen
reactivate softskill now
high performance capabilities
mit kernkompetenz schulter zucken
diagnose hilflos
behandlung vorerst ausgesetzt

jetzt bitte ganz doll zweifeln und
nicken
die zeichen stehen auf rückzug
und was tun
wenn der Aufschwung kommt
toastbrot und gummibärchen für alle
enjoy yourself happy hippo style
weil du es dir wert bist
aber sowasvon
projekt individuum fehlgeschlagen
totgefüttert
in der testphase

jetzt bitte handeln und
hände hoch
gelegenheit macht müde
so satt waren wir noch nie

Veröffentlicht unter Maria Natt, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

der grund riss deiner träume

der grund riss deiner träume
wir balancierten die bruchkanten der schlucht
die nicht aufhörte zu entstehen bis
die erste bahn hindurch fuhr während
an den rändern die größeren steine noch
auf vollkommen überfüllte abteile fielen
in denen das vorherrschende gesprächsthema
vor allem laut war und allgegenwärtig sodass
die gitarrespielenden schwarzfahrer kaum
zu hören waren und von verstehen sprach da
kein schriftzug auf den lederjacken der pendler
erkannten wir dann wieder die reflektion
der vorüberziehenden strukturapokalypse
deiner instabilen träume

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

und ununterwegs unwegsames wie
kräne kraniche (im vorbeiflug häufig
beiläufiger) und die spielräume des stimmigen:
ingrimm der autobahnen, die organisch wirken,
nicht instantan, birken.

dann unfuge betontrassen, ihr
abschmieg am beton, dass trieb-werke zur
erfahrung stünden (und stunden), un-
umkömmlich, und zungen kreuzungen wie
auf der terrasse, die terrasse, das.

das noch zitierte gerüstete, scheinsam un-
begründet unbegrünte der letzten minuten, die
nur noch nuten sind, unstet und (begegnungsstätte
einfahrt: der unterbelichtete tunnel, die
latente gefahr einer laterne).

Veröffentlicht unter TEXTE, Tristan Marquardt | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

wider erwarten

diese woche wieder
aufgespalten in wollen
und abdanken wollen
die ruhe verlegt auf
andere

zeiten
wofür gibt es weihnachten
noch kein einzug in
wachs- und kekswelten
das gemüt baumelt
den anderen

adventen
meine kinderträume finden
sich nicht unter bäumen
zumindest nicht diesen
dezember
verschlingen mich
lebkuchen weil sie billig sind
und meine nächsten wintern
hinter ungeöffneten

türchen
wir feiern unsere feste nicht
in absprache mit dem kalender
und meine ruhe bleibt
unbesinnlich bis
zum letzten

glockenschlag
ins genick der mich nicht
duften herzen und mit-
leuchten sieht dieser tradition
gebührt verhaftung

dieses eine mal
will ich uns
nicht ihr gedenken
zumal
dein geruch
ohne räuchermännchen
näher in der nase kitzeln könnte

Veröffentlicht unter Paula Glamann, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

dritter stock links

umwege ablaufend gehen
auch im sitzen staub-
besetzte papierfetzen
streicheln
ekstatische nachklänge in eventim-
schnipseln sammeln
kork durchbohren
einen teil des weges um

räume zwischen
an- und telefonleitungen
gesunkenen routinen gangbar machen
lieber als einen runter schalten
staubtrockene kreuzungen
zwischen grünzeug und heizungsluft
beleben als bliebe überall der atem weg
einen teil des weges um-

lenken neuland ersaugen
kalten kaffee und zigzags
zwischen den dielen finden
und liegen lassen
geschmack jede fuge
mit kalkül durchziehen lassen
und die liebsten bücher nach vorne
einen teil des weges um-

stellen vom rechten kopfende ans linke
übersetzen zum gleichen schlaf
nur andersrum
vor- und frei- und ausstellungs-
in einem innen-raum schaffen
zwecks rückzugs- nach drinnen
hier drinnen halten des inne wegen
einen teil des weges um-

deuten der draußen geht
stuhl werden und tisch sessel ohne sofa
staubkörner und gelbe straßen aus papier
einen teil des weges mitgehen lassen

(still leben
einleben ein keksteil
ein krümelndes detail in verwohnung
auf umwegen)

Veröffentlicht unter Paula Glamann, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

ägyptische prophetie

aus einem fliegenäugigen radio
klingt das lied der lieder
_________live & unplugged
ans fenster schwappt
das badewasser der kleopatra

du hältst ausschau nach pyramiden
oder sonst einem indiz für die zukunft
_____(in der milch auf dem tisch
_____haben sich schimmernde
_____ölperlen gebildet
so könnte das anfangen) und
kurz darauf läuft das licht
die keramik der tasse entlang
(das schimmernde läuft mit)

vor dem fenster leert sich die
_________blaue badewanne
als hätte jene königin jetzt
ihr bad verlassen und
den stöpsel einfach gezogen

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

literweise erinnerung

ein gefühl wie aufgerührt du
findest mich
neben coffeeshops
im mittleren alter (meine städte
_________sind voll davon)
die berührung zweier finger
vielkörper in der tasche
hinter kaffeesätzen

flechten andere ihre stimmbänder
hängen sie verzwirbelt
_________in meine jackentasche
nistet sich jemand hinein
und bleibt vielleicht
ein paar stunden dort

vor einer landschaft ziehen vögel
in schwarzen keilen vorbei
_________ich sehe hinauf
und der himmel verweigert
alle antwort
_________verschwommen
von literweise kalter erinnerung
im reisebündel, dem magensack

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

Der verstörte Leser

Schon beim Lesen des Titels hat Olaf B. deutlich Schwierigkeiten.  Nach der Lektüre wird er uns erschöpft gestehen: „Mein Bauchgefühl hat mir von Anfang an gesagt: Das wird kein Zuckerschlecken!“

 

 

 

 

Bei Zeile 1 bis 3 sehen wir, dass Olaf B. sich um den Text bemüht, sich zurücklehnt und den Bildschirm scharf fixiert. Die Skepsis bleibt ihm dennoch ins Gesicht geschrieben. Ein glücklicher Leser sieht anders aus!

 

 

 

 

 

 

 

Zeile 4 und 5 bescheren innere Bilder der Ruhe? Bilder, die die Seele sanft von hinten umgreifen und zärtlich streicheln? Fehlanzeige!
Olaf B. wird uns später in einem vertraulichen Gespräch gestehen, er habe schon hier mit dem Gedanken gespielt, die Lektüre abzubrechen. Die Drucksituation, vor einer Kamera zu lesen, treibt ihn unbarmherzig weiter, durch krude Syntax und feindlich gesinnte Pseudo-Referenz.

 

 

 

 

 

 

Ratlosigkeit kann so tief gehen. In der 6. Zeile beginnt nun sogar der Text Fragen zu stellen und lässt Olaf B. allein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Damit nicht genug. In Zeile 7 wird der Text sogar übergriffig.

 

 

 

 

 

 

Konnte Olaf B. bisher die Fassung wahren, so ist es in Zeile 8-10 um seine Souveränität geschehen. Angststarre, Zittern – wie weit wird der Text noch gehen?

 

 

 

 

 

 

Mit letzter Mühe sucht Olaf B. bei Zeile 11 und 12 die Nähe zum Gedicht. Aber er stößt nur auf Kälte und Süffisanz.

 

 

 

 

 

 

Olaf B. ist fertig. Sichtlich gealtert zwingt er sich vor unserem Kamerateam zum Lächeln. Sobald der Dreh beendet ist, wird er in Tränen ausbrechen.

 

 

 

 

 

 

 

Wir versuchten im Anschluss an die Lektüre zu vermitteln. Doch der Text blieb stur und ging jeder Konfrontation aus dem Weg. Seien wir mal ehrlich. Seien wir ehrlich.

Veröffentlicht unter Ilja Winther, TEXTE | Verschlagwortet mit | 5 Kommentare

ohne titel (im traum)

im traum fielen uns küsse zu
deine projekte spielten
sich hinter meinem körper ab
wir lagen still und eng auf einem
staubigen boden im holz
unter uns der spalt wie ein
zeitstrahl um uns zu teilen

und jeder gang in die luft war leicht
die sonne hob mit uns wir wussten
weder ein noch aus und strichen
einander gesichter auf (küssten die)
und schwiegen im wachen
bauten an zwei enden der welt
vögel in unsere wege

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare