le temps est bon

umbruch der liturgie der umzingelten
kleinen schritte im takt, ohne pusten
bläst keine pfeife überhaupt eine wand ein
eine alte blaue rente kramt sich aufstand
gestrig und gastritisch aus der untersten schublade
will beispiel sein für wetterleuchten, in späten tagen
der choreografie verstärken töne in tarnfarben
den einbruch von regenbogen, le temps est bon
le ciel est bleu, alter, leben und
die rote zora will freisturm sein, lässt pillen
runde, über den handrücken kugeln lädt mückenlarven
zum tanz im wohnzimmer, futtert ihre goldfische
da weht die entkernte satt wie frischluft bietet
paroli, die melodie der lebensjahre ihre letzte
parole ein ungeschriebenes manifest
in diesem ameisenstaat will sie blaumeise sein
springt ins aquarium, bläst ihren freispruch
und diese letzte revolutionäre zelle summt ihr ein echo zurück:
dam dam da daam, dam dam da dam, dam dam da da

Veröffentlicht unter Paula Glamann, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

Die Nacht räumen

Seit Klingeltönen die Zeit
nachtwach und läufig
ist mir voraus
beschmiert die Stullen
die aufstöhnen in mir.
Ich wanke angesägt hinterher
eine schwangere Hündin
die in den Morgen beißt.
Die Nacht räumen
die zeitlose
liebe Fehlannahme Der Traum trüge weiter
knurrt noch in der Magengrube
leckt die getäuschten Augen sauber
verbirgt die Wunde hinter
einem kaltem Schwall Wasser
schwärmt aus dreht im Zwiebelatem
die Runde im Bauch
wippt Sitzbänke in der Bahn
durchquert die ganze Suppe
bis ich sie im Magensaft ertränke
noch einmal laut aufheule, belle, kläffe
und selbst vom Tag besessen werde.

Veröffentlicht unter Paula Glamann, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

müllauto

dort oben die matte
hirnschale der stadt
über straßenbahnen
stottern die nerven

enden von nassfäden
im fenster gehalten
rückt der feierabend
hochgerüstet heran

in baumkronen die
signale die raketen
geschosse mutter
mir ist plötzlich so

munition gibt es
unter der treppe
dem aufmarsch
gebiet der schicht

fährt ein wagen
vorbei in orange
nimmt sich mit
was nicht mehr laufen kann

Veröffentlicht unter Max Czollek, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

nixen:

ausgeburt von scharfsinn / schafsein
lässt das trotten ganz normal erscheinen
pelzbesetzte menschen können lechzen
d. h. sinne wetzen unverwandt grassierende
wie ähnlich alle übrigen
auch weniger staffierten typen
witternd auf der weide stehen
tropfstein- mehr als sonnenstrahlverhängt
im untergrund vor nährenden gelüsten
siegesgroßen sandstrandbloßen
überresten der plakateschlacht
aus der sie angekrochen kommen
jedem tunnelbodenrinnsal zugeflossen
sich entwinden nixen
beinlos an den horizont geschmiegt
so winzig sind betrachter vor der pose
dass die blicke erst noch klettern müssen
um das niederste zu sehen
die erscheinung eines urgetriebes
jener angstmaschine die mutiert
kloniert und ständig neu frisiert
in fetzen immer näher wälzt
bis mindestens die pelzgewandten
vorbedachten abstand nehmen
nur um später im geheimen
untergrund dazuzuströmen
allen übrigen gebietet weiterhin
sich ihrem trotten hinzugeben
blind vorbei am bloßen liegen
geistig jedoch schon verlegen
eingewühlt ins schlachtgeschehen
kurz davor die füße zu verlieren
unter einem boden hier im untergrund
wo letztlich nur noch ein bein steht
das konnte vorher schon nicht gehen

Veröffentlicht unter Alexander Makowka, TEXTE | Verschlagwortet mit | Hinterlasse einen Kommentar

[das amortisiert sich nicht]

das amortisiert sich nicht, u70, alle zeit der welt. wegadern auf
der tagesordnung, triebfedern, ein gängeln, gestaffelt, das outfit
deiner latest love, der absacker fraglos, als ein zugpferd vorbei-
huschte, als eine dieser nachnächte, das multiple choice, voice

over und das erste kreuzchen, pro forma protest. alle schleusen
geöffnet, keine landeier vorrätig. nächster schritt, dann. sich
bewusst werden über die contenance höchstselbst: das nächste
vis-à-vis könnte ein entfernter verwandter sein, der mehr über

dich weiß als du selbst. das hattest du schon mal, tagsüber: ein
parship ohne echolot, notgedrungen. dein augenmerk ging flöten
wie umrisse aus dioptrinzeiten, die korrektur. nur ist es dabei
nicht geblieben. es folgten studiozonen, inständig, von rand-

bemerkungen bewohnt, und beiläufig gangbare hauslichkeit à la
bonheur, womit man sichs verdient hatte. du hast die fäden draus
gezogen. du stelltest deine sachen in den schatten, wo sie raum-
greifender wirkten, kanntest paradebeispiele en masse, ließt dich

hangeln von kreuzchen zu kreuzchen, wahlweise selbstgewählt,
manchmal unüberschaubar, manchmal unübersehbar. das ging,
wenn man so will, als output durch. das hatte was von non-
chalance, best of, wenn man so will, nur das beste, kein kommentar.

Veröffentlicht unter TEXTE, Tristan Marquardt | Verschlagwortet mit | 6 Kommentare

kastanien und alkohol

die melancholie im zug europa kennt keine grenzen,
dahinter räumen ausländer das bordbistro auf.
jede arbeit findet ihren niederschlag
am ende der fahrt im schatten eines komplexes,
steht man neben der kippe, der fado läuft aus der lounge.
man tauscht sehen mit andern, spricht sprachen.

die vorplatzbäume grenzen an verlaufene sternbilder,
kitsch aus der zeit als man sagte,
die arbeiter gehen nachhause.
darunter die infrastruktur des abschieds, über den gleisen
sollte stehen: man sieht nicht wann es weg ist,
wie der serbe meinte, aus dieser falle kommst du nur
wenn es schneit oder du sehr mutig bist.

im anschluss kastanien und alkohol.
aus dem leeren bistro endlich die nachricht:
die grenze ist weit und noch weiter
ist międzyzdroje, wo sich ein
landloser fischer heut morgen
ins einzige tischbein schoss.

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | 6 Kommentare

[wir ziehen dem tag das fell über die ohren]

wir ziehen dem tag das fell über die ohren
hängen es zum trocknen auf
pflücken frühstücke wie mohnblumen
die auf unsern körpern wachsen
grasen sonnenstrahlen weiden

versprechen: jede strasse zu ende zu gehen
auf drei rennen wir los (und mogeln beide ein bisschen)
kurz vorm ziel platzt unser brustkorb
wirft stücke wolken in den himmel
er verteilt sie : meine deine

pflanzen uns ans wasser werfen pläne aus
fangen stunde um stunde ein
legen sie sorgfältig zu den fischen
ohren auf süden gestellt
hören dem klirren des nachmittags zu

aus den fellen haben wir zimmer gebastelt
man kann sie immer neu zusammensetzen
dahin kehren wir abends zurück
wer zuerst schläft sucht sich aus
wovon er träumt

Veröffentlicht unter Tabea Xenia Magyar, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare

die handgriffe

unterm sonnensegel dann
6 monate schlechtes betragen
ich fand am morgen das grauen versteinerte
zahncreme als stünde antonio banderas
an einer roten ampel

im spiegel die erste bewegung: flöten und so
zwei schwarze quadrate fanden sich im rasen
6 monate schlechtes betragen
im halbschatten teenage dream aber
alleine gelassen mit brotkrümeln und zwei knarren-
den türen zum hof was kann ich dafür?

da waren zwei schildkröten die aßen sich auf
die währungshüter saßen im ICE
dann kam der sommer
segel und sprossen ich verwöhnte mich
mit possierlichen handgriffen 6 monate
als ginge man wieder bei den 7 wochentagen zur lehre
als bräche hans eichel im eis ein ich
erzähle nur wie es war

also sag mir: was aber sag es nicht mir sags
den schwebfliegen dieser meute
den kleinen nadelstreifenindianern
die jeden morgen schreien wenn ich aufstehe
wenn die äpfel im kopf zusammenstoßen
und stellen kriegen weil wieder irgendein wetter ist
die scheuermilch und die scheuermilch ja
die sowieso

Veröffentlicht unter Linus Westheuser, TEXTE | Verschlagwortet mit | 1 Kommentar

interim

dann liegen wir in häfen
hinter fragen hinter land
vor anker wie vorm gebirge
an der horizontlinie
rutschen unsere augen ab

im transit der sonne
zur haupthitze trägt das weiter
teile vom tag zusammen
sollten wir uns setzen
fürs & bis aufs weitere

liegen wir aber bloß so
puhlen nachmittagslicht
aus unseren nägeln
basteln wir ein interim
lassen steine flitschen

übers wasser eine skizze
fürs & bis aufs weitere
gehen wir gleich los
und so wie wir gehen
muss das dann halt auch

Veröffentlicht unter Lea Schneider, TEXTE | Verschlagwortet mit | 3 Kommentare

buchholz/nordheide

 

und alles was dazu gehört

neonpolierte beleuchtungseinheiten
schwarzweißgold zwei ticketschalter

und familienrabatt auf lebensplanung
susanna (14) geht zur schule

zwischen den backsteinsiedlungen
zählt die jungen halme aus gehsteigplatten

höchstens zwei drei am montag vormittag
nach den rasenmähern den heckenstutzen

es wird doch nichts besser wo linienbusse
noch regeltarif fahren was hilft es denn

buchholz liegt in der nordheide
das war schon immer so

 

Veröffentlicht unter Maria Natt, TEXTE | Verschlagwortet mit | 2 Kommentare